Rede in der Samariterkirche
Staatsministerin Elisabeth Kaiser spricht anlässlich des Reformationsempfangs am 5.11.2025 der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg - Schlesische Oberlausitz.
Staatsministerin Elisabeth Kaiser spricht beim Reformationsempfang der Evangelischen Kirche in Berlin.
Foto: EKBO / Roger Paletti
Sehr geehrter Herr Bischof Stäblein,
sehr geehrter Herr Geywitz,
sehr geehrte Frau Senatorin Wedl-Wilson,
sehr geehrter Herr Dr. Kowalczuk,
sehr geehrter Herr Räuber,
sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für die Gelegenheit, heute bei Ihnen sprechen zu dürfen. Wir feiern in diesen Tagen das 35. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. Und deshalb war es mir ein besonderes Anliegen, bei Ihrem Empfang dabei zu sein. Denn die Wiedervereinigung unseres Landes – sie wäre ohne das Engagement der Kirchen kaum zustande gekommen.
Für Regimekritiker in der DDR war die Kirche eine wichtige Institution. Auch Nicht-Gläubige fanden dort Schutz. Kirchen waren Orte, an denen sie Gleichgesinnte treffen und neue Kraft tanken konnten. Und viel Kraft brauchte das Sich-Widersetzen in der Diktatur. Die Kirchen waren aber keinesfalls Wagenburgen. Ganz im Gegenteil: In den 1980er Jahren wurden sie immer mehr zu Orten des Aufbruchs. Mit unkonventionellen Aktionsformen ließen sie den verkrusteten Staatsapparat alt aussehen.
Das galt in ganz besonderem Maße für die Samariterkirche. Die Blues-Messen, die Pfarrer Rainer Eppelmann hier veranstaltete, brachten vor allem junge Menschen zusammen. Sie suchten nach kulturellen Freiräumen. Nach Gemeinschaft ohne Denkverbote. In Kirchengemeinden erfuhren tausende DDR-Bürgerinnen und Bürger erstmals gelebte Demokratie. Und diese Demokratie forderten sie 1989 dann auf der Straße ein. Friedlich und erfolgreich. Seitdem hat unser Land viel erreicht. Ostdeutschland ist kaum wiederzuerkennen. Einstmals bröckelnde Innenstädte erstrahlen in neuem Glanz. Die verheerende Umweltverschmutzung gehört der Vergangenheit an, der naturnahe Tourismus boomt. Investitionen in neue Technologien haben den Osten zu einem modernen, nachhaltigen Industriestandort gemacht.
Doch der Weg dahin war nicht leicht. Die 1990er Jahre haben tiefe Spuren in der ostdeutschen Gesellschaft hinterlassen. Fast alle Ostdeutschen haben damals harte Brüche in den Arbeitsbiografien erlebt: Betriebe wurden geschlossen, ein Großteil der Beschäftigten musste sich beruflich umorientieren, teilweise verloren Studien- und Berufsabschlüsse über Nacht ihren Wert. Führungspositionen in Ost- und West wurden fast nur noch von Westdeutschen besetzt.
Für die Generation, die damals mitten im Berufsleben stand, waren das traumatische Jahre. Doch selbst junge Ostdeutsche, die damals noch gar nicht geboren waren, wissen um die Verletzungen dieser Zeit. Die Sorgen und Ängste der Nachwendejahre sind Teil des kollektiven ostdeutschen Gedächtnisses. Damit unterscheidet sich die ostdeutsche Wende-Erfahrung fundamental von der westdeutschen: Im Osten wurde das Leben auf den Kopf gestellt. Im Westen ging der Alltag weiter wie gehabt. Diese unterschiedliche Wahrnehmung hat zu viel Unverständnis zwischen West und Ost geführt. Die gegenseitige Annäherung war nicht leicht. Und sie ist ein andauernder Prozess.
Wer wüsste das besser als die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz? Auch hier treffen alte West-Berliner mit ostdeutschen Gemeinden zusammen. Doch wir sind auf einem guten Weg. Vor wenigen Wochen habe ich den neuen Bericht der Ostbeauftragten vorgestellt. Die Autorinnen und Autoren gehören in diesem Jahr fast ausschließlich der Nachwendegeneration an. In ihren Beiträgen wird schnell klar: Die Einheit ist für junge Deutsche längst eine Selbstverständlichkeit. Das zeigen übrigens auch die Ergebnisse des Deutschland-Monitors.
Mit dieser Untersuchung vergleichen wir jedes Jahr die Stimmungslagen und Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger in West und Ost. Und wir konnten beobachten, dass die jungen Menschen in ihren Ansichten viel näher beieinanderliegen als die Eltern- oder Großelterngeneration. Das gemeinsame Aufwachsen im wiedervereinten Deutschland hat die jungen Menschen offenkundig auch weltanschaulich zusammengeführt. Trotzdem bestehen natürlich kulturelle und habituelle Unterschiede zwischen Ost und West. Zum Beispiel die Tatsache, dass in Ostdeutschland noch mehr Menschen als im Westen ohne Konfession sind.
Das betrifft übrigens auch mich. Ich stamme aus einem Elternhaus, in dem Glaube kein Thema war. Ich erinnere mich zwar an Kirchenbesuche in meiner Kindheit. Doch nur für kulturelle Veranstaltungen, manchmal auch architektonische Besichtigungen. Spirituellen Halt habe ich in der Kirche nie gesucht. Allerdings begegne ich immer wieder praktizierenden Christen, die mich beeindrucken. Weil sie aus ihrem Glauben einen Werte-Kompass ableiten, den ich teile: Den Menschen zugewandt, solidarisch und empathisch. Und ich beobachte, wie stabilisierend kirchliche Netzwerke auch heute noch sein können.
Als Arbeitgeber im sozialen Bereich, der Pflege oder der Betreuung ist die Kirche nicht wegzudenken. Und sie stiftet Gemeinschaft. Außerhalb von Familienverbünden fällt mir kein anderer Ort ein, an dem alle Generationen so regelmäßig zusammenkommen und Gemeinschaft erleben. Rund um den Gottesdienst treffen Menschen aufeinander, die im normalen Leben kaum Berührungspunkte haben. Zu unterschiedlich sind ihre Biografien, ihre Arbeitswelten, ihre Lebensumstände.
Einzig der Glaube versammelt sie Woche für Woche am selben Ort. Und in dieser Zusammenkunft wird klar: Wir gehören zusammen, trotz aller Verschiedenheit. Wir müssen Wege finden, miteinander auszukommen. Ich finde: Das ist eine heilsame Erkenntnis. Zumal in einer Zeit, in der wir uns um den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen. In der Einsamkeit weit verbreitet ist. In der die Menschen in nahezu hermetisch abgeriegelten Diskursblasen kommunizieren. Ich möchte Ihnen sehr herzlich dafür danken, dass Sie mit Ihrer Arbeit solch offene Orte der Gemeinschaft, des Austauschs und der Spiritualität schaffen.
Gerade in den ländlichen Regionen sind Sie oft die letzte verbliebene Institution gegen Einsamkeit! Dabei ist mir klar: Die lebensweltliche Heterogenität Ihrer Mitlieder ist herausfordernd. In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz finden Gläubige aus einer Metropole und aus ländlich geprägten Regionen zueinander. Daraus erwachsen Interessenkonflikte, die nicht immer leicht zu moderieren sind. Doch wir brauchen genau solche Orte, an denen die Lebenswelten sich treffen und die Menschen in den produktiven Austausch gehen. Lebendige, diskursfreudige Kirchengemeinden sind ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Demokratie.
Ich möchte Sie ermutigen, diese Kontroversen nicht zu scheuen. Bieten Sie in Ihren Kirchen eine Plattform dafür, und mischen sie sich auch weiterhin lautstark in die gesamtgesellschaftlichen Debatten um die Zukunft unseres Landes ein. Übrigens: Ein weiterer wunderbarer Ort für diese gesamt-gesellschaftliche Debatte entsteht derzeit in Halle. Dort errichten wir das „Zukunftszentrum für deutsche Einheit und europäische Transformation“. Ilko-Sascha Kowalczuk, der heute hier ist, hat die Idee einst mit entwickelt.
Im Zukunftszentrum wollen wir Menschen aus ganz Europa miteinander ins Gespräch bringen.
Gemeinsam wollen wir die Erfahrungen aus den 1990er Jahren reflektieren. Und schließlich daraus ableiten, wie wir künftige Umbrüche besser gestalten. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Teil dieser Debatte werden. Und ein letzter Nachschub, weil Sie das sicherlich vor Ort beschäftigt: Ja, wir brauchen zugewandte, ergebnisoffene Debatten. Wir müssen wieder lernen, die Sichtweisen unserer Gegenüber in Betracht zu ziehen. Aber es gibt eine Grenze: Wenn statt Fakten Verschwörungstheorien vorgetragen werden, wenn Argumente menschenverachtend und Parolen verfassungsfeindlich werden, dann ist das keine Grundlage für einen Austausch. Wer so unterwegs ist, darf keine Plattform bekommen. Ich nehme wahr, dass sich die evangelische Kirche hier klar positioniert.
Ich stamme aus Gera und weiß, wie anstrengend das ist. Wie viel Feindschaft und Hass einem vor Ort manchmal entgegenschlägt. Umso wichtiger ist es, dass die Kirche hier standhaft bleibt. Dass sie hörbar und sichtbar ist in ihrer Positionierung. Damit die vielen Demokratinnen und Demokraten in Ostdeutschland – die es gibt, die in der Mehrheit sind! – keine Einzelkämpfer bleiben.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die evangelische Kirche ist eine erprobte Vorkämpferin der Demokratie. Vor dreieinhalb Jahrzehnten hat sie die politische Wende in der DDR mit eingeleitet. Haben Sie vielen Dank dafür, dass Sie auch heute klar auf der Seite der Demokratie stehen. Sie werden dringend gebraucht!
Vielen Dank!
Es gilt das gesprochene Wort.