Was treibt junge Bürgermeister in Ost und West um?

Patrick Albrecht und Lena Burth Was treibt junge Bürgermeister in Ost und West um?

Die Kommune ist die politische Einheit, die den Alltag der Menschen prägt. In den Gemeinden werden aus abstrakten Regeln von europäischer, nationaler und Landesebene sehr konkrete Straßen, Kita-Plätze und ÖPNV-Anbindungen. Zugleich sind die Bürgermeister im direkten Austausch mit den Menschen – eben „vor Ort“. Sie wissen, was funktioniert und was nicht, was die Menschen bewegt und was aufregt. Zwei der jüngsten Bürgermeister aus ländlichen Gemeinden berichten aus Ost und West.

Berlin, Germany - September 21, 2015: Famous Oberbaumbrücke in Berlin

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Foto: Getty Images

Warum sind Sie so jung Bürgermeister geworden, und wie lief das ab? 

Lena Burth: Ich war in der Finanzverwaltung als Betriebsprüferin tätig. Bei einer Veranstaltung in Ludwigsburg habe ich „Bürgermeisterin“ als Berufsbild kennengelernt und mir gedacht, das kann ich mir vorstellen, das traue ich mir zu. 

Bei der Bürgermeisterwahl waren insgesamt sechs Bewerber, davon übrigens vier Frauen. Ich bin als freie Kandidatin angetreten mit der Unterstützung von Familie und Freunden: Die Bilder für die Flyer hat eine Freundin von mir gemacht, die Hobbyfotografin ist. Gestaltet hat sie der Dirigent meines Musikvereins, und verteilt habe ich sie selber. 

Patrick Albrecht: Ich habe eine Ausbildung gemacht zum Verwaltungsfachangestellten und dann 2022 noch ein Studium angefangen zum Diplom-Verwaltungswirt. Eines Abends saß ich in Gotha, dort ist mein Studienort, mit meinem Kommilitonen am WG-Tisch, und wir haben gegrübelt: Wer könnte sich bei der Bürgermeisterwahl in unserem Ort aufstellen lassen? Von da an reifte der Gedanke, selbst anzutreten. Ich war und bin parteilos. Das heißt, ich brauchte 80 Unterstützerunterschriften, um mich aufstellen lassen zu können. Für diese Unterschriften bin ich von Tür zu Tür gegangen. Und viele Unterschriften bekam man nur, wenn man sich auch ordentlich unterhielt: Ich saß da an so manchem Küchentisch bei den Bürgerinnen und Bürgern. Sie haben mir Anregungen mit auf den Weg gegeben, was sie gerne in der Stadt anders hätten. Die Tagespresse hat dann jedem der vier Bewerber die Möglichkeit gegeben, ein Porträt von sich zu veröffentlichen. Außerdem gab es eine Podiumsveranstaltung – also alles ganz fair. Ein bisschen unsportlicher wurde es bei der Stichwahl. Mein Konkurrent hat einen Flyer veröffentlicht, in welchem er – so interpretiere ich es – ausdrücken wollte, wenn man noch studiert, kann man nicht vernünftig Bürgermeister sein.

Wenden wir den Vorwurf ins Positive: Was machen Sie beide als unter 35-Jährige anders als ältere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister? 

Burth: Ich glaube, das Alter ist nicht entscheidend, jeder Bürgermeister bringt so oder so seinen eigenen Stil mit. Da ich vom Finanzamt komme als Betriebsprüferin, liegt mir zum Beispiel der Kommunalhaushalt sehr, sehr am Herzen. 

Albrecht: Ich denke, was uns von älteren Kollegen unterscheidet, ist der Zugang zu den Medien. Ich habe zum Beispiel nach der Wahl direkt einen WhatsApp- und einen Instagram-Kanal eröffnet, über den ich einfach die Bürgerinnen und Bürger mitnehme. Über das, was halt so tagesaktuell in der Stadt passiert, wo ich auch das Feedback bekomme. Die Menschen, die hier wohnen, wollen mitgenommen werden.

Burth: Die Transparenz von Politik und der direkte Austausch sind zusammen ein wichtiger Punkt. Das sehe ich auch so. Was wir jetzt neu machen werden dieses Jahr, ist eine Gemeinde-App.

Aber das heißt, Sie haben keine Themen, mit denen Sie als junge Bürgermeisterin und Bürgermeister angetreten sind, sondern Sie regeln das, was in Ihrem Ort zu regeln ist? 

Burth: Ja, und anders geht es auch nicht. Unsere Haushaltslage ist sehr prekär. Wir haben in diesem Jahr gerade mal die schwarze Null hinbekommen. Ich glaube aber nicht, dass wir im nächsten Jahr noch einen ausgeglichenen Haushalt haben werden. Und so wird uns der Gestaltungsspielraum genommen; eigentlich haben wir nur noch das Geld für unsere Pflichtaufgaben. 

Albrecht: Das hast du schön gesagt. Das ist hier bei uns genauso. Das ist eigentlich ganz schlimm. 

Was sind denn die drei zentralen Themen Ihrer Gemeinde, die Sie regeln müssen? 

Burth: Das größte Thema ist der Investitionsrückstau. Ostrach ist eine der flächengrößten Gemeinden in Baden-Württemberg. Wir sind relativ zersiedelt in 29 Teilorte. Dafür reicht das Geld aber nicht. Meine Straßen sind einfach absolut desolat. Was uns jetzt noch zusätzlich Sorgen macht, ist das Thema Breitband. Wir kriegen zwar die Bundesförderung, allerdings hat sich die Förderkulisse geändert, sodass wir trotzdem eigenes Geld investieren müssen, damit unsere Bürgerinnen und Bürger überhaupt einen Glasfaseranschluss haben, und unsere Bürgerinnen und Bürger müssen auch einen Eigenanteil zahlen. Und so geht es weiter über das Feuerwehrhaus, dessen Brandschutz nicht mehr ausreicht, zur Ganztagesbetreuung an Grundschulen. Das ist eine Bundesvorgabe. Dafür müssen wir anbauen an unsere Schule. Das ist einerseits ein gutes Projekt, aber andererseits haben wir genügend andere Investitionen, die wir für den Erhalt der Schule aufbringen müssten – in unsere Sporthalle regnet es rein.

Also viele Aufgaben, aber wenig Geld. Und bei Ihnen, Herr Albrecht? 

Albrecht: Das ist bei uns genauso. Ich war vor Kurzem bei einer Fachtagung, wo auch die Thüringer Aufbaubank dabei war. Die haben selber gesagt, seit Jahren haben wir eine negative Investitionsrate. Das heißt, wir leben auf Verschleiß. Wir können nicht mehr investieren, weil wir kein Geld haben. Wenn man dann ins Auge fasst, das Ganze mit Krediten zu finanzieren, dann muss man schauen, ob die Rücklage der Gemeinde überhaupt passt, damit wir kreditwürdig sind. Was wir zum Glück nicht haben, ist die Herausforderung mit der Ganztagsbetreuung. Hier im Osten gab es die sogenannten Horte an den Grundschulen früher schon. 

Ich möchte außerdem noch das Thema Fachkräftemangel in der Verwaltung unterstreichen. Jedes Jahr überlegen sich Bund oder Land, dass sie noch ein paar Aufgaben an die Kommunen abgeben wollen. Wir hier in der Kommunalverwaltung wissen gar nicht mehr, mit welchen Personalressourcen wir das stemmen sollen. Und das wird auch noch verstärkt, wenn größere Gemeinden bei uns einfach in der Lage sind, höhere Gehälter, höhere Entgeltgruppen zu zahlen.

Burth: Ja! Wir haben fast ein Dreivierteljahr eine Erzieherin für unseren Kindergarten gesucht. 

Themen, die medial eine große Rolle spielen, wie die Aufnahme von Flüchtlingen, sind bei Ihnen nicht wichtig? 

Burth: Doch, das war meine allererste Aufgabe, als ich frisch gewählt worden bin. Da hat es direkt vom Landratsamt geheißen, Sie müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber bei uns war alles voll. Wir hatten dann mehrere Krisensitzungen im Gemeinderat. Am Ende konnten wir die Aufgabe lösen. Wir haben eine Immobilie gekauft, weil wir zur Integration nicht beitragen, wenn wir Container irgendwo aufstellen. Die Bürger waren am Anfang nicht begeistert, aber ich würde sagen, die Flüchtlinge haben sich ganz gut integriert.

Albrecht: Ich hatte das Problem nicht. Als der Ukrainekrieg losging, hat der Landkreis die Flüchtlinge untergebracht. Viele wurden auch privat aufgenommen. Ansonsten wäre die Einstellung auch vermutlich in der Gemeinde ähnlich wie bei Frau Burth, dass da erst mal eine große Skepsis da wäre.

Nehmen Sie eine Polarisierung in der Gesellschaft wahr? In Deutschland allgemein und in Ihrer Gemeinde im Speziellen? Und welche Themen sind es dann, wenn es so was gibt bei Ihnen? 

Burth: Also was wir feststellen, ist, dass es grundsätzlich weniger Gemeinschaftsbewusstsein bei den Bürgerinnen und Bürgern gibt. Wir haben zum Beispiel einen Badesee bei uns mit einer Liegewiese und haben dafür auch einen Parkplatz unbürokratisch ausgewiesen, weil wir diesen schönen Ort für viele sichern wollten. Aber es funktioniert leider nicht: Besucher parken in der landwirtschaftlichen Fläche, weil sie vielleicht fünf Meter weniger laufen wollen, es wird wild Müll abgelagert, und Stand-up-Paddler nehmen häufig keine Rücksicht auf die Badegäste. Das ist schade; es könnte da draußen so schön sein, wenn jeder einfach ein bisschen Rücksicht auf die anderen nimmt.

Albrecht: Wir haben hier die Polarisierung im Osten, ganz typisch, wie es allseits bekannt ist. Es werden immer krassere Meinungen zur Landesoder Bundespolitik vertreten. Aktuell bestimmend ist der Ukrainekrieg, mit dem wir gar nicht so viel zu tun haben als Gemeinde, aber der hier immer wieder Thema ist. 

Ein großes Thema, mit dem wir als Gemeinde wirklich zu tun haben, sind die Energiepreise: sei es das Gas bei uns oder aber auch, dass die Spritpreise durch die CO2-Abgaben immer weiter steigen. Das ist hier auf dem Land ein ganz großes Problem. Durch diese gestiegenen Energiepreise steigen zum Beispiel auch die Baukosten im Allgemeinen. Personalkosten steigen immer weiter. Es bringt uns als Gemeinde auch immer wieder Probleme, und ich sitze als Gemeinde eigentlich im gleichen Boot wie die Bürger.

Und wie ist der Ton in der Politik bei Ihnen in der Ratsversammlung? Gibt es da eine Polarisierung zwischen den Fraktionen? 

Albrecht: Bei uns lebt der Stadtrat nicht von den großen Parteien, wie sie bekannt sind aus Bundes-oder Landespolitik. Bei uns lebt der Stadtrat von Bürgerinitiativen. Da sehen sich die wenigsten als Bestandteil einer Partei. 

Burth: Wir haben drei verschiedene Listen, CDU, SPD und Freie Wähler. Aber ich würde jetzt sagen, alle drei Listen, auch wenn sie einen Parteinamen tragen, machen bei uns keine Parteipolitik. Es gibt auch keinen Fraktionszwang wie in Bundesoder Landespolitik.

Sie sind beide aufgrund Ihres Alters im vereinten Deutschland aufgewachsen. Nehmen Sie Ost und West noch persönlich als relevante Unterscheidung wahr? Und wie ist es bei Ihnen in der Gemeinde? 

Burth: Ich habe für mich nie einen Unterschied gemacht, ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt. Aber bei mir in der Gemeinde hätte ich jetzt doch einen Punkt: Kindergartengebühren. Da schauen unsere Bürgerinnen und Bürger immer neidisch in Richtung Osten, weil wir die Gebühren regelmäßig erhöhen müssen. Vorgesehen ist, dass eigentlich 20 Prozent der tatsächlichen Kosten für die Kita-Betreuung von den Eltern gezahlt werden müssen. Bei uns in der Gemeinde tragen die Eltern ca. 11 bis 12 Prozent der Kosten, und wir müssen die auch regelmäßig erhöhen. Aufgrund der Tariferhöhungen haben wir allein letztes Jahr die Beiträge um fast 12 Prozent erhöhen müssen. Im U3-Bereich für Kinder in der Ganztagesbetreuung zahlen die Eltern 639 Euro und im Ü3-Bereich aktuell 381 Euro.

Das ist viel Geld, und da kommt dann schon auch die Aussage: „Hier müssen die Eltern Kita-Gebühren zahlen, während sich im Osten die Länder darum kümmern – mit unserem Geld aus dem Länderfinanzausgleich.“ Albrecht: Bei uns zahlen die Eltern tatsächlich auch. Wir haben Gebühren von ca. 350 Euro pro Monat. Bei uns sind nur die letzten beiden Jahre kostenlos. Wir wollen ja noch wissen, was Herr Albrecht über Ost und West denkt und ob das in seiner Gemeinde noch ein Punkt ist.

Albrecht: In den Köpfen der Älteren gibt es diese Trennung häufig noch, das kriege ich dann auf Geburtstagsfeiern oder größeren Festen immer mal zu hören. Oft sind hier unterschiedliche Gehälter der ausschlaggebende Punkt. Und umgekehrt nehme ich so ein Jugend-Ding wahr, dass die Jugendlichen von hier stolz darauf sind, Ossi zu sein. Das verstehe ich nicht, denn rein vom Leben her, finde ich, gibt es heute keinen Unterschied mehr. Ich sage das bewusst, weil ich es früher selbst anders erlebt habe: Als ich 2019 mit meiner Ausbildung angefangen habe, hat der Tarifvertrag im öffentlichen Dienst noch zwischen Ost und West unterschieden, trotz 30 Jahre Mauerfall. 

Jetzt, da Sie sich gegenseitig ein bisschen zugehört haben: Nehmen Sie eher wahr, dass Sie in einem Team sind, weil Sie beide eher kleine ländliche Gemeinden vertreten? Oder haben Sie eher Unterschiede zwischen Ost und West gesehen?

Burth: Ich glaube, wir kämpfen mit den gleichen Problemen, oder? 

Albrecht: Spätestens als ich das mit den Straßen gehört habe, dachte ich: ja! 

Ich dachte immer, im Westen sind die Straßen aus Gold, wie ich es von den Älteren gehört habe. Aber ich glaube inzwischen, dass die Gemeindestraßen dort genauso schlecht sind wie bei uns. 

Burth: Aus meiner Sicht ist nicht der Unterschied Ost-West entscheidend, sondern der zwischen Stadt und Land. Ostrach ist eine der ländlichsten Gemeinden in ganz Baden-Württemberg. Wir fahren eine Stunde in jede Richtung, bevor man überhaupt die Autobahn sieht. Der Bus, der einmal stündlich fährt, bindet mir auch nur 2 von 29 Teilorten an. Ein Drittel unserer Kommune hat überhaupt gar kein Handy-Netz. Also wir sind tatsächlich sehr abgehängt hier im ländlichen Raum.

Albrecht: Dem kann ich mich anschließen. Stadt – Land ist der zentrale Gegensatz in Deutschland. Unsere Lage ist da allerdings besser: Wir haben überall Handy-Empfang, sind schon gut ans Glasfasernetz angeschlossen, und eine Autobahn haben wir auch in zehn Minuten Entfernung. 

Wenn Sie sich eine Sache wünschen können für die Zukunft Ihrer Gemeinde, was würden Sie sich wünschen, damit Sie Ihre Themen regeln können? 

Burth: Mehr Gestaltungsspielraum. Sowohl finanziell als auch bürokratisch. Albrecht: Ich wünsche mir einfach wieder eine vernünftige finanzielle Mittelausstattung.

Patrick Albrecht 
Mein Name ist Patrick Albrecht, ich bin 24 Jahre alt und lebe schon immer in der ländlichen Kleinstadt Gößnitz am Rande von Thüringen. Nach meinem Abitur verschlug es mich in die öffentliche Verwaltung, machte hier eine Ausbildung, danach ein Studium und seit 2024 bin ich Bürgermeister dieser idyllischen Stadt.

Lena Burth
Abschluss des Bachelor of Laws sowie die Laufbahnprüfung des gehobenen Dienstes an der Hochschule für öffentliche Verwaltung Ludwigsburg. Von 2018–2023 tätig als Landesfinanzbeamtin, zuletzt in der Funktion als Betriebsprüferin. Seit 2023 Bürgermeisterin der Gemeinde Ostrach.