Ostbewusstsein und das DDR-Unbewusste

Wachturm Elbtal in Deutschland

Wachturm Elbtal in Deutschland

Foto: Getty Images/Hilda Weges

Schiefe Töne in der Debatte 

Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Kakofonie politischer Verweise auf die Zeit der deutsch-deutschen Teilung nicht leiser geworden: Die Journalistin Valerie Schönian fordert für die Generation, die den Mauerfall nicht mehr erlebt hat, ein ausgeprägtes „Ostbewusstsein“. Sie verband dies in ihrem 2020 erschienenen gleichnamigen Buch mit vagen politischen Forderungen, deren Konnex vor allem darin bestand, die DDR-Vergangenheit weniger kritisch zu sehen.

Der Germanist Dirk Oschmann beschreibt das Ost-West-Verhältnis 2022 mit dem Vokabular postkolonialistischer Theorien. Die Comedian Hazel Brugger trägt 2025 im Interview mit Gregor Gysi ein T-Shirt, das mit dem Satz „Ich war noch nie in Westdeutschland“ bedruckt ist.

Auch wenn diese Beiträge, die das Ostbewusstsein und die Kritik an „dem Westen“ forcieren sollen, nicht immer inhaltlich überzeugen mögen, so ist doch der politische Einfluss dieser „seismografischen“ Debatte für die politische Stimmung in Gesamtdeutschland kaum zu unterschätzen.

Populistische Strömungen schlagen ihr politisches Kapital bei der jüngeren Generation dabei nicht nur aus einer privat von Eltern und Großeltern weitergegebenen Erinnerung an die „gute alte Zeit“ in der DDR, sondern aus einem konstruierten „Ostbewusstsein“ der Jetztzeit, das sie politisch auch für die Nachwendegeneration zu nutzen wissen.

Dass dieses Ostbewusstsein konstruiert ist, sieht man daran, wie leichtfertig sich geradezu gegensätzliche politische Positionen darauf stützen können: Die ostdeutsch geprägte FDP-Politikerin Katja Adler warnt vor einer „Rolle rückwärts DDR“ und benutzt dabei die DDR-Zeit als Schablone für gegenwärtige gesellschaftliche Debatten. Dies tut die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht aber genauso, wenn sie eine aus ihrer Sicht eingeengte Meinungsfreiheit der Jetztzeit mit der DDR-Zensur in ihrer Vergangenheit vergleicht.

Zugleich wird oft positiv auf ein gegenwärtiges Ostbewusstsein rekurriert, teilweise mit nostalgischen Verweisen auf die Zeit vor 1990, welche die jungen Adressatinnen und Adressaten dieser Nostalgie nicht mehr selbst erlebt haben. Als ein momentan in den Umfragen erfolgreiches Beispiel mag der AfD-Politiker Björn Höcke dienen, der vor einer Rückkehr in die DDR-Diktatur zwar warnt, zugleich aber einige Vorteile der ostdeutschen Vergangenheit beschwört: „Simson statt Lastenfahrrad“.

Persönliche Erfahrungen 

Als ostdeutsches Nachwendekind aus Mecklenburg musste ich die schiefe Debatte über das konstruierte Ostbewusstsein am eigenen Leib erfahren. Während meines Studiums in Leipzig wurde mir meine Ostidentität abgesprochen, weil ich keinen sächsischen Dialekt sprach. Studierende gingen davon aus, dass ich nicht „ostdeutsch“ sei, weil ich es, anders als sie, nicht sofort erwähnte. Ausgerechnet westdeutsche Studierende reklamierte die ostdeutsche Identität aber für sich, z. B. in der Gruppierung „Aufbruch Ost“. Offensichtlich kann man in der Gen Z eine ostdeutsche Identität mühelos auch als im Westen sozialisierter Mensch annehmen.

Die Jahre, die ich in Westdeutschland verbrachte, waren anders: Kommilitoninnen und Kommilitonen lösten durch ihren betrunkenen Gesang der Internationalen ein Störgefühl in mir aus, weil sie ignorierten, dass dieses Lied für mich mit dem DDR-Regime und seiner Ideologie kontaminiert ist. Rechtsextreme Strömungen wurden mir gegenüber noch vor wenigen Jahren als ein vor allem „ostdeutsches“ Problem verkauft. Und ehemalige Klassenkameradinnen und -kameraden, die in Westdeutschland leben, thematisieren ihr Ostbewusstsein so selten, dass es geradezu im umgekehrten proportionalen Verhältnis zu der Häufigkeit steht, mit der westdeutsche Studierende in Leipzig sich auf dieses berufen.

Seit einigen Jahren lebe ich in Schleswig-Holstein. Ich arbeite als Pastor für die evangelisch-lutherische Nordkirche. Diese Nordkirche ist eine der wenigen größeren Institutionen, die auf ihrem Gebiet Ost- und Westdeutschland umfassen.

Für mich als – zumindest den biografischen Stationen nach – „Ost-West-Ost-West-Deutscher“ war das einer der Gründe, mich dort zu bewerben. Bei meinen gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen im westdeutschen Teil der Nordkirche erlebe ich das anders: Entweder wird von vornherein ausgeschlossen, in den „Osten“ zu gehen. Oder es wird ignoriert, dass die Unterschiede zwischen den Gebieten selbst in ihrer fusionierten Form weiterhin von Bedeutung sein könnten.

Das „DDR-Unbewusstsein“ 

Ich möchte deswegen von einem regelrechten „DDR-Unbewusstsein“ sprechen: Wird in den neuen Bundesländern das Ostbewusstsein zwar fleißig konstruiert, wird die Wichtigkeit der DDR-Geschichte oft ignoriert. Dies macht es den Generationen, die keine Zeitzeuginnen und -zeugen sind, noch schwerer, davon zu erfahren.

Von meinem jetzigen Tätigkeitsort in Ostholstein kenne ich viele Beispiele: Der Klaustorfer Turm war einst Überwachungsstützpunkt im Kalten Krieg. Heute ist er eine touristische Aussichtsplattform. Auf dem Zeltplatz Wulfener Hals auf der Insel Fehmarn landete 1988 eine Flüchtlingsfamilie aus der DDR mit einem Schlauchboot an. Heute bucht man sich dort einen Golfkurs oder geht surfen.

Erst in den Familiengeschichten, die mir als Pastor persönlich erzählt werden, zeigt sich unter der sichtbaren schleswig-holsteinischen Identität bisweilen eine durch die DDR oder durch die Teilung geprägte Biografie, die aber ins kollektiv Unbewusste verschoben ist: Migration und zerrissene Familien, Gefahren des Kalten Kriegs oder Durchsuchungen an der Grenze bestimmten die Lebensgeschichten vor 1990.

Von solch einem „DDR-Unbewusstsein“ kann man selbst in Ostdeutschland sprechen. Denn wenn dort eine nostalgische Identität konstruiert werden soll, geht es viel zu selten um eine tatsächliche Erinnerung an die DDR-Geschichte. Literarische Ausnahmen bilden die Regel: Ines Geipel schreibt über ihren Bruder, Anne Rabe über gewaltvolle Pädagogik. Bettina Wilpert stürzt sich in Recherchen zu DDR-Jugendheimen, Lutz Seiler widmet sich den Ostseefluchten.

Die Themen, die bei der Aufarbeitung der unbewussten DDR-Geschichte auftauchen, zeigen dabei ihre eigentliche Brisanz für die Jetztzeit. Dass Migration kein neues, sondern ein altes, weitverbreitetes Phänomen ist, genauso wie die schwebend-schwelende Kriegsgefahr, muss immer wieder ins Bewusstsein gebracht werden, damit aus hitzigen nüchterne Debatten werden können.

Die Aufgabe, die Zeit der DDR aufzuarbeiten, ist eine Aufgabe politischer Bildung. Gerade in meiner Generation, die keine direkten biografischen Erinnerungen an die Zeit des Kalten Kriegs mehr hat, muss die Realität der Vergangenheit studiert werden, um nicht in unrealistische, konstruierte Identitäten abzurutschen, die diesen politischen Realitätssinn längst verloren haben.

Dies gilt umso mehr, weil die Rede vom „Unbewussten“ impliziert, dass sich ansonsten die Spuren der Vergangenheit in den Nachwendegenerationen anders Bahn brechen könnten: in „Ostdeutschland“, indem man sich dort von den gesellschaftlichen, demokratisch-offenen Debatten in eine Parallelwelt abkapselt, in der die wichtigsten Probleme Lastenräder darstellen sollen oder Menschen das Grundrecht zur Flucht verwehrt wird, von dem doch so viele ostdeutsche Menschen einst profitiert haben. In „Westdeutschland“, indem dort die seismografischen Schwingungen nicht wahrgenommen werden, die auf die erdbebengleichen Gefahren hinweisen, mit der unser gemeinschaftliches Zusammenleben bedroht ist.

„Säkularisierte“ Gesellschaften 

Von dorther, wo die Jugendweihe statt der Konfirmation den Standard bildet, kostete es mich einige Überwindung, das Theologiestudium zu beginnen. Wie in der politischen Debatte ist „der Osten“ nämlich auch für die religiöse Entwicklung Seismograf: Die Säkularisierung ist in MecklenburgVorpommern deutlich weiter fortgeschritten als in Schleswig-Holstein. Doch Westdeutschland holt auf.

Könnte es etwa sein, dass die ausbleibenden Lerneffekte in Sachen Religiosität und Politik miteinander zusammenhängen? Die Parallele ist verblüffend: Der Wegfall von religiöser Bindung findet parallel zum Wegfall der Bedeutung gesellschaftlicher Öffentlichkeit statt, die wiederum erhitzte und populistische Debatten begünstigt. Und in beiden Fällen ist genau dieser Prozess in dem Gebiet der ehemaligen DDR durch die geschichtlichen Bedingungen weiter fortgeschritten, aber dennoch vergleichbar.

An meinem jetzigen Arbeitsort in Heiligenhafen gibt es z. B. mehrere aktive Vereine. Eine solche lebendige Vereinsstruktur ist mir aus Mecklenburg unbekannt. Anfang Juni 2025 war ich zum „Gildefest“ eingeladen: Nach einer Rede gegen Radikalisierung, Rassismus und Realitätsverlust wurde erst die Deutschland-, dann die SchleswigHolstein-Hymne angestimmt. Obwohl ich weder schleswig-holsteinisch noch patriotisch gesinnt bin, berührte mich dieser Versuch, Beheimatung und „Einwurzelung“ bei gleichzeitiger Wahrung des offenen Gemeinsinns herzustellen.

Doch die „Gilde“ hat, wie viele andere Vereine und die Kirche, ein Problem, weiter relevant zu bleiben. Egal, was man von ihrem Traditionalismus hält: Durch diese Entwicklung, diese „Säkularisierung“ könnte eine Gesellschaft entstehen, in der eine gemeinschaftsstiftende Öffentlichkeit vor Ort nicht mehr existiert. In der DDR wurde der Versuch unternommen, diese ganz bewusst zu zerstören, um den Zentralismus und die Eingriffsmöglichkeit des Staates zu stützen. Heute verfällt sie von ganz allein.

Der Bewusstwerdung von Geschichte, also eine Reflexion über den je eigenen Standort und die bürgerliche Verantwortung angesichts all der Herausforderungen im Großen und Kleinen, wird nicht über die Konstruktion eines Ostbewusstseins begegnet werden können. Doch die Bewusstmachung der DDR-Geschichte als eine lokale und regionale politische Bildungsaufgabe könnte den gemeinschaftsstiftenden Realitätssinn schaffen, dessen unsere Gesellschaft dringend bedarf. Oder, um es auf eine Formel zu bringen: Es geht um Bewusstwerdung von Geschichte und Identität statt konstruiertem Ostbewusstsein.

Caspar de Boor
Caspar de Boor (*1994) wuchs in Mecklenburg auf. Er studierte in Göttingen, Strasbourg und Leipzig Theologie. Er arbeitet als Pastor in Heiligenhafen (SH). Er ist Mitglied bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und veröffentlichte mehrere Essays für die Deutsche Gesellschaft e. V.