von Aron Boks
Perspektive 1
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Foto: Getty Images/delectus
Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass ich aus dem Osten komme.
Als ich vor fast zehn Jahren nach Berlin zog, stellte ich mich mit dem Anspruch eines Weltbürgers aus Wernigerode „near Hannover“ vor. Ich bin mehr als 20 Jahre lang mit dem Gedanken aufgewachsen, dass nicht mehr zwischen Ost und West unterschieden werden sollte. Vor ein paar Jahren merkte ich aber, dass das so nicht funktioniert.
Ich bin 1997 geboren und dachte, dass weder ich noch meine Familie mit der DDR und der Diktatur dort in Verbindung stünden. Schließlich redeten wir ja nie darüber. Das änderte sich erst im Dezember vor fünf Jahren, als mir meine Großmutter ein Gemälde von Willi Sitte zeigte. Einem der berühmtesten Maler der DDR, dazu Funktionär, Mitglied im Zentralkomitee der SED und: der „Lieblingsonkel“ meiner Oma. Offenbar hatte die DDR viel mit meiner Familie zu tun gehabt. Und nicht nur das: Während meine Großmutter über ihre Kindheit, Jugend und ihre Arbeit damals sprach, wurde mir klar, dass sie sogar ziemlich gern in der DDR gelebt hatte.
Als ich mit meiner Mutter über ihre Erfahrungen sprach, erfuhr ich von ihrer Zeit im Chor und von den Feiern im Club ihrer Schule und davon, wie toll der Gruppenzusammenhalt war. In der Schule fanden aber auch, wie überall in der DDR, Fahnenappelle statt, im Fach Staatsbürgerkunde wurde den Schülerinnen und Schülern beigebracht, den Sozialismus zu lieben und seine Feinde zu hassen. Im Wehrkundeunterricht lernten alle, wie man sich vor Gegnern schützt.
Meine Mutter erzählte mir von Pionierlagern, in denen sie als kleines Kind die Verteidigung gegen die NATO üben musste. Wo ihr gesagt wurde, dass die Leute aus der Bundesrepublik, aber besonders die Amerikaner, sie im Ernstfall angreifen würden. Und sie erzählte mir, wie sie sich als Kind gefragt hatte, warum sie nicht überallhin reisen könne. Und von der Angst ihres Vaters, der ihr am Abendbrottisch klargemacht hatte, solche Fragen niemals laut zu stellen.
Ich wollte mehr über das Schulsystem erfahren, in dem sie aufgewachsen ist, und fand in den Unterlagen der SED-Kreisleitung von Wernigerode einen Redebeitrag von einem meiner ehemaligen Lehrer vom Dezember 1989. Er hatte sich für eine „bessere DDR“ eingesetzt, „weil ich vor allem auch um unserer Kinder willen hoffe, dass uns die Vorzüge des Sozialismus erhalten bleiben“.
Eine solche Perspektive war nach der Wende nie Thema bei mir in der Schule. Im Geschichtsunterricht wurden ausschließlich das Einparteiensystem, die Stasi und die Mauertoten behandelt. DDR-Alltag oder persönliche Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer spielten nie eine Rolle. Wieso schien die DDR in meiner Schulzeit so fern? Schließlich haben meine Lehrerinnen und Lehrer das „Einheitlich Sozialistische Bildungssystem“ nicht nur gelehrt, sondern wurden selbst von ihm erzogen.
Ich frage mich, was diese Zeit mit dem Jetzt zu tun hat,
sagte ich an einem Abend zu meiner Mutter.
Wo um alles in der Welt soll da ein Zusammenhang sein?
Na in dem, wie dich die DDR geprägt hat …
Ich will doch diesem Scheißsystem nicht noch die Möglichkeit geben, über meine Persönlichkeit zu bestimmen!
Zu meiner Überraschung übergab mir meine Mutter ein paar Monate später ihre sämtlichen Tagebücher und Briefe, die sie in der Wendezeit geschrieben hatte. Vermutlich hatte sie zunächst so abgeblockt, weil sie sich für mich gewünscht hatte, dass das System, das sie abgelehnt hatte, mich nicht berühren könnte. Doch mit den Tagebüchern wurde sie neben meiner Großmutter zu meiner wichtigsten Quelle, um mehr über die DDR und den Umbruch zu erfahren.
Meine Eltern haben 1990 Abitur gemacht und sind später nach Hannover gezogen. Für sie begann die beste Zeit ihres Lebens, wie sie immer sagen. Als ich allerdings mit ihnen über meine Großeltern sprach, stellte sich heraus, dass die Eltern meiner Mutter damals extreme Existenzangst hatten und in der Familie meines Vaters mehrere Männer arbeitslos wurden. Sein Vater, den ich hauptsächlich still in Erinnerung habe, ging mit 55 in den Vorruhestand.
Wenn ich heute mit anderen Menschen über die DDR spreche, trete ich Erzähllawinen los. Die meisten berichten dann von ihrem Betrieb, von Brigadefeiern und anderen Sachen, die es oft nicht mehr gibt. In manchen dieser Geschichten existiert die DDR sogar ohne Repressionen und Gewalt, dafür mit günstigen Mieten, kostenloser Kinderbetreuung, Vollbeschäftigung und emanzipierten Frauen.
Wie kann es sein, dass Menschen so unterschiedlich über diese Zeit sprechen?
Als ich mich für Ostdeutschland als Herkunftsort zu interessieren beginne, wird das Thema medial für ganz Deutschland immer interessanter. Aus irgendeinem Grund scheinen die Leute hier weniger Lust auf Demokratie zu haben, heißt es, wenn Umfragen zeigen, wie viele Menschen im Osten rechtsextrem wählen. Sie würden sich nicht gesehen und abgehängt fühlen. Irgendwie scheint der Osten anders zu sein.
Immer wieder ist das Gesprächsthema. So auch bei einer Veranstaltungsreihe, die ich im Sommer 2024 gemeinsam mit dem PEN Berlin in 37 verschiedenen Orten in Sachsen, Thüringen und Brandenburg organisiert habe. Als ich an einem Abend nach einer Veranstaltung in Bautzen am Tisch über meine Erfahrungen sprechen wollte, schaute mich ein Gästepaar aus Mainz irritiert an: „Aber das spielt doch für euch junge Leute keine Rolle mehr!“ Und ein Ende 50-jähriger Freund aus Bayern wurde noch etwas direkter:
Ich kann das auch alles nicht mehr hören! Was hast du denn für ein Problem, Aron? Es betrifft dich doch nicht!
Vielleicht steckt in dieser Abwehrhaltung, die ich ziemlich oft erlebt habe, eine gewisse Scham, wie die Psychoanalytikerin Annette Simon es in einem Buch über ostdeutsche Identitäten beschreibt. Eine Scham, als Westler so lange nichts vom „Zwillingsbruder“ im Osten mitbekommen zu haben, sich auch nicht wirklich dafür interessiert zu haben und nur vor und nach Landtagswahlen zu merken, dass irgendwie irgendetwas nicht stimmt und selbst die jungen Ossis nicht mit dem Gejammer aufhören.
Ich erinnere mich daran, diese Abwehrmechanismen zu Beginn meines DDR-Interesses auch in mir getragen zu haben, wenn Leute ernsthaft an der Einheit rumnörgeln mussten. Ich fühlte keine Scham damals, vielmehr ein Unbehagen, weil mir viele Unterschiede und Erfahrungen erst nach und nach bewusst wurden – dass Menschen im Osten durchschnittlich weniger verdienen und viel seltener in Führungspositionen sind, dass viele wenig bis gar nichts erben und die Generation vor mir schon in den 90er- und Nullerjahren von ständiger rechtsextremer Gewalt bedroht war.
Davon habe ich zu Hause nichts gehört, wenn von der Zeit nach der Wende gesprochen wurde. Vielleicht gab es in meiner Jugend zwischen dem Nichtreden über die DDR und die Wendezeit und dem westdeutschen Nichtbenennen von Ost und West einen Zusammenhang. Eine Art doppeltes Nichtreden über die DDR.
Heute sage ich jedenfalls bewusst, dass ich aus dem Osten komme und die DDR etwas mit mir zu tun hat. Die Menschen, die mich erzogen, unterrichtet oder mir das Tennis- und Theaterspielen beigebracht haben, haben einen Großteil ihres Lebens in einem komplett anderen System gelebt – und wurden sicher davon geprägt. Es macht also einen Unterschied, ob ich in einem ost- oder westsozialisierten Umfeld aufgewachsen bin oder nicht. Aber was bedeutet das für mich heute?
Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden. Aber ich glaube, dass es spannend wäre, wenn sowohl junge Ost- als auch Westdeutsche über die unterschiedlichen Erfahrungen ihrer Familien und ihre gemeinsame Gegenwart sprächen.
Laut einer Untersuchung der Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Julian Heide nimmt das Bewusstsein für Unterschiede zwischen Ost und West gegenwärtig bei jungen Westdeutschen ab, während es bei jungen Ostdeutschen zunimmt. Es scheint daher nicht so sinnvoll zu sein, darauf zu warten, dass der Nachwendekinder-Dialog von West beginnt.
Ich habe selbst kaum eine Ahnung, was es bedeutet, seine Wurzeln in der alten Bundesrepublik zu haben. Dafür habe ich eine Menge offener Fragen, die sich an junge Westdeutsche richten, die ich wie die Ostdeutschen auch als Nachwendekinder ansprechen möchte:
Haben sich eure Großeltern mehr vor dem Teufel oder vor den Kommunisten im Osten gefürchtet? Wie haben die Leute im Westen überhaupt ihre Gemeinschaft zusammengehalten ohne Sozialismus und Tauschgesellschaft? Lag das alles an der Kirche? Redet ihr mit euren Eltern und Großeltern über die alte Bundesrepublik, wenn es um die Vergangenheit geht oder gleich über die Nazizeit?
Was bedeutete es für unsere Familienmitglieder, in Staaten aufzuwachsen, die ihre Diktatur durch Antifaschismus legitimiert und ihre Demokratie durch eine Stunde null begonnen haben?
Ich glaube, dass es gut wäre, darüber zu sprechen.
Wir haben vielleicht trotzdem ganz unterschiedliche verinnerlichte Abwehrmechanismen, die wir aus unserer unterschiedlichen Prägung mit uns tragen, aber möglicherweise fällt es uns leichter als unseren Eltern und Großeltern, diese abzubauen. Damit hätten wir als Nachwendekinder, die die Teilung nicht erlebt haben, die Möglichkeit, gemeinsam zu überlegen, was das eigentlich für eine Geschichte über die „Deutsche Einheit“ ist, mit der wir aufgewachsen sind.
Eine, in der eigentlich nur weiße Menschen mit Deutschlandfahnen ab dem Mauerfall glücklich darüber waren, zusammen zu sein, und in der die Kategorien Ost und West der Vergangenheit angehören. Das hatte mir die Schriftstellerin Paula Fürstenberg in einem Gespräch verdeutlicht. Und wieder haben nur Ossis miteinander geredet.
Wenn wir aber als Nachwendekinder aus Ost und West gemeinsam unsere Fragen an die Vergangenheit richten und uns über unsere Familiengeschichten austauschen, wird vielleicht deutlich, dass diese uns erzählte Einheitsgeschichte so nicht ganz aufgeht und anders erzählt werden muss. Vielleicht auch in millionenfach unterschiedlicher Ausführung. Nicht, um Schuld, Scham oder Wut zu verteilen. Sondern um die Gegenwart besser zu verstehen.
Aron Boks
wurde 1997 in Wernigerode geboren. Er lebt als Schriftsteller und Slam Poet in Berlin und schreibt unter anderem die taz-FUTURZWEI -Kolumne „Stimme meiner Generation“. Nach einem Buch über seinen Urgroßonkel Willi Sitte erschien 2025 sein neues Buch „Starkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“.