Warum Rechtsextremismus (k)ein ostdeutsches Phänomen ist

Balconies of the apartments in a block building, Berlin, Germany

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Foto: Getty Images/ Alexander Spatari

Als Aktivist und Autor für Demokratie, Klimagerechtigkeit und Antidiskriminierung fahre ich seit mittlerweile über zwei Jahren zu Lesungen und Diskussionsrunden durch ganz Deutschland. Weil ich mich nicht nur in meiner eigenen politischen Blase bewegen will, diskutiere ich häufig mit Schülerinnen und Schülern, in Kirchgemeinden oder auch mal mit Angehörigen der Bundeswehr. Vor wenigen Monaten war ich zu Lesungen in München – in einem Literaturhaus und in Schulen. Wie immer habe ich über meine Jugend im sächsischen Zwickau, meine wechselseitige Beziehung zu diesem Stück Erde, Neonazismus und Möglichkeiten zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft referiert.

Im Anschluss an eine dieser Veranstaltungen war ich etwas erschrocken. Erschrocken darüber, wie sehr mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es um die Krise der Demokratie geht. Eine Gruppe Jugendlicher kam auf mich zu, bedankte sich und zeigte sich erleichtert: „Wir in München leben wirklich in einer heilen demokratischen Welt! Das, was in Sachsen passiert, schockiert uns sehr.“ Zunächst habe ich mich für die Gesprächsaufnahme bedankt, und dennoch hat ihre Aussage wieder diese Bauchschmerzen in mir ausgelöst. Diese Bauchschmerzen, die ich immer dann spüre, wenn Influencerinnen und Influencer, Podcasterinnen und Podcaster oder Politikerinnen und Politiker einen wichtigen Punkt ausblenden: Die extreme Rechte ist im gesamten Bundesgebiet auf dem Vormarsch, und die Normalisierung des Neonazismus ist schon seit Langem ein gesamtdeutsches Problem, selbstverständlich auch in der bayerischen Landeshauptstadt München.

Häufig ist es so: Hören meine Mitmenschen aus anderen Regionen dieses Landes das Wort Zwickau, denken sie (berechtigterweise) häufig an Neonazis, rechte Gewalt oder an das Untertauchen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) in meiner Heimatstadt. Hören die gleichen Mitmenschen dann das Wort München, schießen ihnen Weißwürste, Oktoberfest oder der FC Bayern in den Kopf. Das ist natürlich nicht nur deren Problem, sondern auch das von klischeehafter Berichterstattung, von Vorurteilen und von staubigem Schubladendenken. Vor allem aber ist es völlig absurd, schließlich steht München für vieles Gute, war aber auch schon häufiger Schauplatz rechtsextremer Gewalt: 2001 ermordeten die Neonazis vom NSU den Gemüsehändler Habil Kiliç, 2005 den Einzelhändler Theodoros Boulgarides. 2016 tötete ein rechtsradikaler 18-Jähriger neun Menschen am und im Olympia-Einkaufszentrum.

Was ich mit diesen Anekdoten ganz sicher nicht bewirken möchte? Dass wir Ossis jetzt plump auf Wessis zeigen und die Vorgänge im Osten kleinreden. Bei meinen Schullesungen in Ostdeutschland sind Betroffene von Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen von Diskriminierung noch immer präsenter als in Westdeutschland. Vor wenigen Wochen brach Gelächter aus, als ich in einer Schule in Sachsen-Anhalt die Biografie eines vom NSU ermordeten Menschen vorgelesen habe. So was Drastisches ist mir in Westdeutschland noch nie begegnet. Mir sind an dieser Stelle drei Punkte besonders wichtig: 

Erstens: Alltagsrassismus, Normalisierung von neonazistischen Gruppierungen und die Zustimmung zu extrem-rechtem Gedankengut1 sind im Osten weiter fortgeschritten als im Westen. Die beschriebenen Phänomene finden sich aber im gesamten Bundesgebiet.

Zweitens: Auch wenn die Lage in Bezug auf demokratiefeindliche Einstellungen in Westdeutschland entspannter ist, ist das keinesfalls ein Garant oder gar ein Automatismus dafür, dass das auch so bleibt. Wer sich das nicht bewusst macht, handelt fahrlässig, zeigt einseitig auf den Osten und sieht im Zweifel den Wald vor lauter Bäumen nicht. Viele Neonazis, die nach der Wiedervereinigung in den Osten gezogen sind und dort in Regionen wesentlichen Einfluss auf die Gesellschaft gewonnen haben, werden ihr „Erfolgsmodell Ostdeutschland“ heute auf den Westen übertragen wollen – wenn sie nicht schon voll dabei sind.

Drittens: Sie sind schon voll dabei. Extrem-rechte Jugendgruppen schießen in Ost- und Westdeutschland aus dem Boden2 , die Mobilisierungen gegen Christopher Street Days nehmen überall zu3 , und ne­ben dem Ost-West-Gefälle spielen vor allem Unterschiede zwischen Stadt und Land4 eine große Rolle. 

Was mir in der Debatte über „den“ Osten dann aber vor allem zu kurz kommt? Der stärkere (aber gesamtdeutsche) Rechtsextremismus in Ostdeutschland hat Ursachen: Wenn im Osten noch immer weniger verdient wird als in Westdeutschland, wenn Ostdeutsche weniger erben und nicht so oft in Spitzenpositionen vertreten sind, dann macht das was mit der Bevölkerung. Etwas, das auch an meiner Generation – ich bin 23 Jahre alt – nicht vorbeigeht und eine (von vielen) Ursachen für den Aufstieg der Extremrechten darstellt.

Meine Eltern sind beide zu DDR-Zeiten geboren und aufgewachsen. Meine Mama in Dresden, mein Papa in Mosel bei Zwickau. Sie waren und sind in der evangelischen Kirche aktiv und fanden die DDR schon immer blöd. Sogar die Arbeitslosigkeit meines Papas nach der Wiedervereinigung hat keinen bleibenden Frust hinterlassen – zu groß die Dankbarkeit, endlich frei reden, frei reisen und frei wählen zu dürfen. Diese grundsätzliche Dankbarkeit, die freiheitlichen Privilegien nutzen zu können, und dass das eben nicht selbstverständlich ist, wurden an mich weitergegeben und prägen bis heute, bei aller Kritik, meinen Blick auf diese Gesellschaft.

In Familien, in denen die Elterngeneration angepasster an die DDR-Diktatur gelebt hat, sieht das ganz anders aus. Wer die Kinderbetreuung, die geringe soziale Ungleichheit oder die Vollbeschäftigung der DDR lobt oder diesen (meiner Meinung nach in der Tat positiven) Aspekten nostalgischbeschönigend hinterhertrauert, war wahrscheinlich kein Systemgegner oder politisch Verfolgter. Ganz unabhängig davon, dass ich das kurzsichtig und diktaturverherrlichend finde, hat auch das Auswirkungen auf meine Generation. Wo Eltern ihren Kindern von Abstiegserfahrungen während des massiven Transformationsprozesses nach der Wiedervereinigung erzählen – also von Arbeitslosigkeit, Umbruch und Familiendramen –, dort entsteht in erneut umbrüchigen Zeiten, geprägt von multiplen Krisen, Angst. Angst davor, dass Ossis, ob jung oder alt, wieder einmal absteigen könnten und während der zeitgleich stattfindenden Transformation auf der Verliererseite stehen.

Für mich ist klar, dass beide Perspektiven wahrgenommen werden müssen: Natürlich gibt es einzelne Dinge, die in der DDR (für die Angepassten) gut gewesen sind. Wer dabei aber unausgesprochen lässt, dass die DDR eine autoritäre Diktatur gewesen ist, unter der viele Menschen gelitten haben, der hilft nicht der demokratischen Sache, sondern nährt den Boden für heutige Autoritäre. Natürlich müssen wir über Ost-West-Ungleichheiten sprechen. Wir müssen darüber sprechen, dass diese Ungleichheiten viel zu selten angegangen werden, darüber, dass der Osten im Bundestags-Wahlkampf kaum thematisiert wurde. All das darf aber niemals zur Legitimation von Neonazismus, Demokratiefeindlichkeit oder stumpfem Wessi-Hass führen.

Bei Lesungen im Westen werde ich häufig gefragt: „Warum redest du überhaupt noch über Ost- und Westdeutschland? Was spielt das für eine Rolle für deine Generation?“ Meistens antworte ich: „Na, weil die Wiedervereinigung für Ossis viel mehr verändert hat als für euch! Und weil das die Leute betroffen macht. Es sät während heutigen Transformationsprozessen ein Grundmisstrauen, das auch vor meinen Freundinnen und Freunden nicht haltmacht.“ Ich rede nicht über Ost- und Westdeutschland, weil ich das so toll finde, sondern weil ich die Hoffnung habe, dass dieses Sprechen eines Tages dazu führt, nicht mehr darüber sprechen zu müssen! Nur wenn wir Demokratinnen und Demokraten über „Ostdeutschland“ sprechen, verhindern wir eine Vereinnahmung dieses Begriffes durch Antidemokraten.

Wenn junge Neonazis „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ schreien, würde ich manchmal gern noch lauter „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ zurückrufen. Warum? Natürlich sehe ich mich in erster Linie als Europäer und Mensch, aber wenn Neonazis den Flecken Erde, den ich meine Heimat nenne, vereinnahmen wollen, dann kann ich doch nicht einfach so dabei zusehen. Ich bin auch Ossi, und ich bin kein Neonazi. Denke ich aber an die jungen Leute, denen ich im Schulkontext begegne, dann wird mir wirklich angst und bange. So oft wurde ich in letzter Zeit von Lehrkräften als eine Art Feuerlöscher kontaktiert: „Bring mal unsere Neonazi-Kids davon ab, Neonazis zu sein!“ Danach folgen Berichte über Hakenkreuze in Schulbänken, Hitlergrüße oder rechte Gewalt. Warum mir das oft zu kurz greift?

Die Idee, mich als Feuerlöscher zu buchen, ist kein langfristiger Ansatz. In der Zeit, in der ich einen Neonazi davon überzeugen kann, kein Neonazi mehr zu sein, kann ich im besten Falle mit zehn Willigen eine AntidiskriminierungsAG gründen, einen Protest organisieren oder ein Dutzend Nichtwählende zur Wahl animieren. Denn auch wenn wir über junge Neonazis sprechen, ist mir die Diskussion oft zu platt. Wenn Medien über „die“ Neonazi-Jugend im Osten sprechen, dann nehmen das die Kaderschmieden dankend an und sagen: „Ja, wenn du jung und ostdeutsch bist, dann musst du auch Neonazi sein!“ Unter diesen Umständen fällt es mir schwer, mich „ostdeutsch“ zu nennen, obwohl das eigentlich nichts Schlimmes sein sollte.

Neonazis erweisen mit ihrem Verständnis von „Ostdeutschland“ den demokratischen Ossis einen Bärendienst, denn jeder neonazistische Ossi unterfüttert die klischeehafte Erzählung über „den“ extrem-rechten Osten mit Tatsachen, die mein Unwohlsein, mein mulmiges Gefühl immer weiter stärken. Nur sollten im Jahr 2025 vielleicht auch mal langsam einige Wessis ein mulmiges Gefühl bekommen. Nur weil sie zufällig in (West-)Deutschland geboren sind, sind sie nicht frei von Rassismus, Antisemitismus und Co.

Jakob Springfeld
ist ein Aktivist aus Zwickau. Er engagiert sich für einen solidarischen Osten und erhielt die Theodor-Heuss-Medaille für sein Demokratie-Engagement. Am 31. Januar 2025 erschien sein Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert – Warum das Erstarken der Rechten eine Bedrohung für uns alle ist“