Weit weg ist die DDR – Perspektiven auf ein unbekanntes Land

Blick auf die Nikolaikirche St. Nikolaus in Leipzig

Blick auf die Nikolaikirche St. Nikolaus in Leipzig

Foto: Getty Images/tichr

Vor mir auf dem Tisch liegt ein vier Wochen altes Baby. Es hat zwei Arme und zwei Beine, kann noch nicht wirklich gucken. Liegen, Trinken und Verdauen sind große, kaum zu bewältigende Aufgaben. Gerade ist das Kind voll und ganz damit beschäftigt, die Wirkung der Schwerkraft zu erfahren. Dass Dinge und Menschen auch weiterhin existieren, wenn es sie nicht mehr sehen kann, weiß dieses Kind noch nicht. Die Wirklichkeit ist das Unmittelbare. Von der DDR hat dieses Kind noch nicht einmal gehört. Und doch ist die Vergangenheit immer schon da. Obwohl das Kind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geboren wurde, sind keinerlei offensichtliche Spuren der Geschichte an ihm zu finden. Langsam und Stück für Stück jedoch werden sich die unterschiedlichsten Ebenen der Geschichte auch in diesen Menschen unsichtbar einarbeiten. Die DDR, ein vergangener Staat, ist 35 Jahre nach ihrem Ende noch immer weit mehr als nur eine Erzählung. Das ist eine der wesentlichen Erfahrungen, die auch dieses Kind in seinem Leben machen wird. Das Wissen über die Geschichte wird ihm helfen, die Gegenwart besser zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft zu entwickeln. Im Umgang mit den Menschen in seiner näheren und weiteren Umgebung wird ihm das Wissen über die Geschichte helfen. Es wird die Interaktionen nicht reibungsloser, einfacher oder unkomplizierter machen. Doch je mehr Wissen auch dieses Kind anhäuft über eine – dann gemeinsam geteilte – Geschichte, desto sorgsamer kann es das eigene Handeln reflektieren, Gesten, Gedanken und Ausdrücke seiner Umgebung einordnen und bewerten.

1989, während ich als Baby auf einem Teppich in Nordrhein-Westfalen das Krabbeln lernte, zwang der Protest weiter Teile der DDR-Bevölkerung die Regierung des Landes, die Grenzen zu öffnen. Grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse sollten darauf folgen. Während im Osten Deutschlands ein Jahrzehnt beispielloser Umbrüche begann, hatten die Ereignisse auf meine Wirklichkeit kaum Einfluss. Es waren mediale Beobachtungen, in Fernsehen, Zeitung oder Radio, die nur bedingt bis in die eigene Wirklichkeit vordrangen. In den Familien im Westen blieb die Auflösung der DDR daher oftmals unerzählt. Sofern es keine eigenen oder biografischen Bezüge zur DDR gab, war diese für viele in Westdeutschland ein Nicht-Ort. Selbst in meiner Schulzeit in Nordwestdeutschland tauchte die DDR höchstens als Randerscheinung auf: Als peripherer Bereich der Geschichte markiert, war man in der alten Bundesrepublik gewillt, das 20. Jahrhundert als vereinigtes Deutschland abzuschließen. Erzählungen zur DDR hätten immer auch Fragen zu den Ursachen für die Teilung Deutschlands und dem Versuch einer anderen Form der Gesellschaft aufgeworfen. Gerade auch die Umbrüche von 1989/90 zu thematisieren, hätte eines hohes Maßes an Differenzierung bedurft. Notwendigerweise wäre es dabei auch um die selbstkritische Hinterfragung der eigenen Rolle gegangen. So jedoch blieb die DDR lange Zeit auch für mich unbesetzt, eine große, unbekannte freie Fläche jenseits des eigenen Horizonts – Zuschreibungen, die grundsätzlich mein Interesse und meine Neugier wecken, nicht selten aber auch getragen werden von Projektionen und fehlerhaften Vorannahmen. 

Für viele Menschen in den neuen Bundesländern blieb in der folgenden Zeit die DDR als Ort der eigenen Kindheit und Jugend positiv besetzt. Einige hielten sie weiterhin als politische Utopie hoch, als vorgebliches Gegenmodell zum nationalsozialistischen Deutschland und zur kapitalistischen Bundesrepublik. Andere sahen in ihr ein weiteres Schreckgespenst des 20. Jahrhunderts. Egal, welche Erfahrungen die Menschen mit ihr bis heute verbinden, bleibt die DDR in beiden Teilen der Republik Referenz-, Projektions- und Reibungsfläche. Ob in der Architektur, in Rollenbildern, in der Verteilung von Vermögen oder der Verbreitung von Vereinen: Die DDR und ihre Nachwirkungen prägen bis heute fast alle Bereiche unserer Gesellschaft. Die Ambivalenzen, Widersprüche und Vielfältigkeit sind enorm – vorausgesetzt, man war und ist gewillt, diese zu sehen.

Wie von der DDR erzählen 

Bei Lesungen aus meinem Roman „Was du kriegen kannst“ wurde ich im vergangenen Jahr häufig gefragt, warum ich mich für das Thema DDR entschieden habe. Ich hatte mich vor der Arbeit an dem Roman wenig mit der DDR beschäftigt. Es war mehr Zufall, dass mir die Geschichte einer Sexarbeiterin im Auftrag der Staatssicherheit zugetragen wurde. Je mehr ich mich mit dieser Figur beschäftigte, desto mehr bemerkte ich meine eigenen Leerstellen, Wissenslücken, Vorurteile und Projektionen. Plötzlich war ich auf eine Figur aufmerksam geworden, die es mir ermöglichte, unterschiedliche Zugänge zur Geschichte und ihren Folgen zu finden. Dabei spannte sich der Bogen von einer kommunistisch geprägten Familiengeschichte im Erzgebirge über den Aufbruch und die Sehnsüchte einer jungen Frau in kleinbürgerlichen Verhältnissen hin zu einer Figur, die gefangen ist zwischen Staatssicherheit und Alkoholmissbrauch.

Schließlich begann ich an dem Text zu arbeiten. Ein autobiografischer Zugang war mir durch Geburtsort und -zeit verwehrt. Würde ich jedoch immer nur davon erzählen, was ich selbst erlebt habe, bliebe mein Wortschatz klein und meine Vorstellungen von der Welt erdrückend eng. Als Kind der späten 1980er-Jahre musste ich mir die Welt der 1960er- und 1970er-Jahre – nicht nur im Erzgebirge – lesend erschließen. Es war mein Glück, dass viele Menschen bereit waren, mir ihre Erfahrungen dieser Jahre zu schildern. Vor Ort auch die Menschen nach ihren Lebenserinnerungen und den Bedeutungen der Ortschaften zu befragen, war Türöffner und Last zugleich. Egal, wie meine Erzählung am Ende strukturiert sein würde, die Erinnerungen meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner würden darin verzerrt erscheinen. Meine Erzählungen würden die Ortschaften in jedem Fall umarbeiten und nicht für jede oder jeden wiedererkennbar werden lassen. Die erzählte DDR des Buches würde keinen Ersatz anbieten können für einen untergegangenen Staat, verloren gegangene Orte der Kindheit oder gar rechtsstaatliche Entschädigung. Ich konnte und musste also die Gegenwart und die Bearbeitung von Erinnerung und Geschichte zum Thema das Buches machen. Die Figuren im Roman tauschen sich darüber aus, wie sie mit ihren Geschichten umgehen wollen, welche Erwartungen sie haben und wo Erzählungen instrumentalisiert werden für eigene Bedürfnisse. Verkaufte die Hauptfigur ehemals ihre Beobachtungen und Erlebnisse an die Stasi, ist es im Roman der Ich-Erzähler, der sein Interesse an den aufregenden Geschichten der Prostituierten der Stasi geltend macht. Wie weit Geschichte(n), Erfahrungen und Erlebnisse ausgeschlachtet, ausgestellt oder emphatisch beschrieben werden können, blieb immerzu Herausforderung beim Schreiben des Romans. Vergangenheit und Gegenwart waren hier nie voneinander zu trennende Einheiten. So arbeitete ich mich an den unterschiedlichen Ebenen der Zeit und ihren Verschränkungen ab.

Je länger ich am Roman schrieb, desto mehr wurde mir bewusst, wie weit die Geschichte reicht und wie sie ganz unmittelbar meine Wirklichkeit tangiert. Gleichzeitig war mein Blick auf die Ereignisse und Geschichten anfänglich ein distanzierter. Ich musste mir die Nähe zur Geschichte erarbeiten. Dabei spielten natürlich meine Erfahrungen, Prägungen und (Un-)Wissen(-heiten) eine Rolle. Die Distanz machte aber immer wieder auch Möglichkeiten zum Perspektivwechsel auf. „Vielleicht“, sagte eine meiner Gesprächspartnerinnen, „hat eben dieser zeitliche Abstand es erst möglich gemacht, über die Dinge so zu schreiben und zu sprechen.“ Damit, so erklärte sie weiter, wäre eine Offenheit erreicht, die es möglich machte, sensibel, aber ehrlich über die Ereignisse und ihre Wirkungen zu sprechen. Am Ende ist mit „Was du kriegen kannst“ ein Buch entstanden, das eine junge Frau durch die DDR begleitet. Nicht ein moralisches Werturteil aus sicherer Distanz sollte dieses Buch werden, sondern die emphatische Annäherung an eine ambivalente Figur, die in den Widersprüchen ihrer Gegenwart unterschiedliche Wege sucht. Nicht die Aburteilung als Täterin oder Opfer sollte das Ergebnis sein, sondern der Versuch, auch komplexe Erzählungen aushalten zu können. 

Das wäre die Grundlage eines gemeinsamen Erinnerns: ein wertschätzender Umgang miteinander, um auch Worte und Sprache zu finden für die unangenehmen und schwierigen Stellen. Das Buch kann im besten Fall Teil einer gemeinsamen Erzählung der DDR werden. Es kann nicht andere Erzählungen ersetzen.

Mittlerweile bin ich Mitte 30. Aus dem krabbelnden Baby von 1989 ist ein erwachsener Mann geworden. Meine Wirklichkeit ist nicht mehr nur das Unmittelbare, sondern die Kontinuität unterschiedlichster Beziehungen und die Vielfalt diverser Erfahrungswelten. Längst wächst die zweite Generation nach dem Ende der DDR auf. Stärker noch als zuvor stellt sich für sie die Frage nach der Auseinandersetzung mit deren Geschichte. Immer häufiger entdecken junge Leute den Osten als ausschließenden Identitätsmarker. Völkische und antidemokratische Kräfte haben in den neuen Bundesländern ungebremst starken Zuwachs. Das Wissen über die DDR und ihre Kontinuitäten verblasst. Gleichzeitig scheinen Prägungsmuster ungebrochen durch. In vielen Familien durchkreuzen sich mittlerweile die Erfahrungen von Ost und West. Die DDR nicht zu erzählen, ist auch für die Zukunft unvorstellbar. Vielmehr gilt es, die DDR zu erzählen als einen integralen Bestandteil eines gemeinsamen Erfahrungshorizonts und einer gemeinsamen Zukunft. Dies bleibt Aufgabe dieser und kommender Generationen.

Clemens Böckmann
ist Autor, Herausgeber und Filmemacher. 2024 erschien sein Roman „Was du kriegen kannst“, 2025 das Buch „Aus Fassungslosigkeit – Thomas Harlans Täterliteratur“. Im kommenden Jahr erscheint seine Recherche „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“.