Zum Begriff der Einheit

Grenzturm der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen BRD und DDR

Grenzturm der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen BRD und DDR

Foto: Getty Images/Animaflora

Wir brauchen die Einheit nicht 

Dieser Gedanke begleitet mich schon seit 2017, ganze acht Jahre. Es ist ein unerhörter Gedanke, denn dass Ost und West zu einer Einheit zusammenwachsen sollen, ist, seit ich denken kann, eine unwidersprochene gesellschaftliche Zielsetzung. Ich bin 1987 in Potsdam geboren, im Nachwendeosten aufgewachsen und vom Glauben an die sogenannte innere Einheit abgefallen, ich bin eine verblühte Landschaft.

Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brauchen, dann meine ich ausdrücklich nicht die politische Einheit, also die schlichte Tatsache, dass die zwei deutschen Staaten, die es bis 1990 gab, jetzt ein Staat sind. Die politische Einheit ist vollzogen, und ich kenne niemanden, der das rückgängig machen möchte. Es gibt einzelne Ostdeutsche, insbesondere der älteren Generationen, die trotz allem überzeugte Sozialistinnen oder Sozialisten geblieben sind, aber selbst die wollen den Sozialismus nicht in Form der SEDDiktatur zurück. Es gibt auch vereinzelte Westdeutsche, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie insgeheim ihre alte Bundesrepublik lieber wieder für sich allein hätten, aber auch die haben das so nie laut gesagt. Die einzige, die je die politische Forderung erhoben hat, die Mauer wieder aufzubauen, ist die Satirepartei Die Partei. Angesichts dessen ist es absurd, wie oft ich beteuern muss, dass ich die DDR nicht zurückwill. Aber auch Phantomschmerzen sind echte Schmerzen, also schreibe ich es hier lieber noch mal hin: Ich will die DDR auf keinen Fall zurück. 

Seit zehn Jahren spreche und schreibe ich über den Osten, aber mir kommen die Worte abhanden. Eins nach dem anderen erscheinen sie mir plötzlich fragwürdig.

1 Innere Einheit 

Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brauchen, dann meine ich die sogenannte innere Einheit – die mentale, geistige, emotionale Seite der Einheit, das angestrebte Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich halte die innere Einheit für ein Phantom, die Soziologinnen Sandra Matthäus und Daniel Kubiak nennen es die Einheitsfiktion: „Gemeint ist damit die Vorstellung, dass der politischen Einheit eine kulturelle Einheitlichkeit entspricht und entsprechen muss.“ 2017 sagte die Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky: „Die innere Einheit kommt nicht von heute auf morgen, aber sie kommt.“ Ich bin anderer Meinung. Die innere Einheit kommt nicht, und wir brauchen sie auch nicht. Das Problem liegt im Wort selbst: Einheit ist zu eng verwandt mit Einheitlichkeit, Einigkeit und Homogenität. Die numerische erste Silbe passt nicht zu dem Land, in dem wir leben. Die ganze Idee ist innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft hinfällig.

2 Einheitstaumel 

Am 3. Oktober 1990 sind beim Festakt am Brandenburger Tor zwischen vielen Deutschlandfahnen auch etliche Reichsflaggen zu sehen, und in der Nacht prügeln sich 1.500 Neonazis durchs frisch vereinte Deutschland. Angegriffen werden Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter, Menschen of Colour, Linke und Hausbesetzerinnen und Hausbesetzer. Die Einheit ist der Startschuss für eine Eskalation rechter Gewalt, die jene Jahre prägt, in denen ich aufwachse. Für manche verläuft die friedliche Revolution in den ihr folgenden Baseballschlägerjahren also gar nicht so friedlich, wie es der Begriff nahelegt. Es ist auch eine Geschichte des Versagens von Polizei und Justiz, die die Bedrohten nicht schützen, während sie die Nazis oft gewähren und straffrei davonkommen lassen. Das Nichteingreifen der Ordnungskräfte ist im Herbst 1989 ein großes Glück und danach eine andauernde Schande. Und der 3. Oktober bleibt ein gefährliches Datum für alle, die rechter Gewalt ausgesetzt sind. Die Angriffe werden als Einzelfälle betrachtet, die im Einheitstaumel passiert seien. Taumel bedeutet laut Duden a) Schwindel(-gefühl); b) rauschhafter Gemütszustand, innere Erregung, Begeisterung, Überschwang. Die gute Stimmung möchte man sich nicht von den Nazis ruinieren lassen, die also lediglich etwas einheitsduselig sind. Ganz nach dem Motto: Im Rausch der Deutschen Einheit kann einem schon mal eine rechte Parole aus dem Mund oder ein Baseballschläger in die Hand rutschen. Der Politiker Klaus Landowsky beschreibt die 90er als euphorische Entwicklung in einer patriotischen Stimmung. Und er sagt auch, wer nicht mitgemeint war: „Natürlich gab es Prioritäten. Die patriotische Aufgabe war: Integration des Ostens, nicht die der zugewanderten Arbeitnehmer.“ Es war von Anfang an klar, wer von der Einheitsparty ausgeladen ist.

3 Wiedervereinigung 

Was ist mit wieder eigentlich gemeint, an welche historische Wirklichkeit knüpft es an? Auch wenn damit auf Bismarcks deutsche Einigung angespielt werden sollte, auch wenn es anders gemeint war: Das Wort ruft auch den Faschismus als Epoche direkt vor der deutschen Teilung auf. Deshalb entscheide ich, nur noch von Vereinigung zu sprechen. Ich streiche das wieder, weil es mir zuwider ist.

4 Einheitssprache 

Und dann beschwert sich eine Frau im Publikum, dass die Moderatorin von den neuen Bundesländern spricht, sie fragt: Wie lange sollen wir noch die Neuen sein? Die Moderatorin erklärt sich, sie wolle nicht von dem Osten im Singular sprechen, als seien die Ostdeutschen eine homogene Gruppe, und die neuen Bundesländer seien immerhin ein Plural. Ich finde, dass beide recht haben, und überlege, ob Ostdeutschland eine Lösung sein könnte. Aber dann fällt mir ein, dass die Rechten es geschafft haben, Ostdeutschland zur Chiffre für Rechtsextremismus zu machen. „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“, grölen sie im Fußballstadion. Sie kleben es in Fraktur auf ihre Autos und tätowieren es in ihre Nacken. Weil das von allen Varianten die schlechteste wäre, lasse ich die Moderatorin und die Frau im Publikum allein mit dem Problem und sage nichts. Uns fehlen die Worte, wir bekommen nicht mal eine unproblematische geografische Bestimmung hin.

5 Endlich wieder homogen 

Im „Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland“ steht in allen Auflagen von 1992 bis 2005 im Artikel zur Wiedervereinigung Folgendes: „Wahrscheinlich braucht es eine ganze Generation, bis Deutschland wieder eine vergleichsweise homogene staatsbürgerliche Gesellschaft sein wird.“ Wieder. Homogen. Könnte es sein, dass das mit der Deutschen Einheit genau so gemeint war? Schon in ihrer Geburtsstunde hat sie völkisch-homogene Phantasien beflügelt, als sich die Losung von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ verschob. Und das wird immer weiter festgeschrieben, wenn Forsa allherbstlich fragt, ob die Deutschen denn nun zu einem Volk zusammengewachsen sind. Was, wenn das alles nicht bedauernswerter Beiwuchs, sondern im Kern der gängigen Worte angelegt war? Dann habe auch ich, Jugend in linken Subkulturen hin oder her, den Kern dieser Worte jahrzehntelang ausgepflanzt. Dann pflanzen alle, die die Worte in den Mund nehmen, diesen Kern immer weiter aus.

6 Deutsche Einheit 

Die Deutsche Einheit ist als vieles erzählt worden. In den allherbstlichen Reden zu den Jubiläen von Mauerfall und Einheit ist sie eine Erfolgsgeschichte, in der der Kalte Krieg friedlich beendet wird und die Demokratie über die Diktatur siegt. In den Erzählungen der damaligen Erwerbsbevölkerung ist sie eine Geschichte der sozialen Abstiege, die im Jobcenter spielt. In den Erzählungen der damals Jüngeren ist sie eine Geschichte der so gewonnenen wie zerronnenen Freiräume, die auf Brachen, in Techno-Kellern und besetzten Häusern spielt und die entweder mit Räumung oder mit Mietvertrag und Brandschutzauflagen endet. In den Erzählungen von Westdeutschen ist sie ein ewiges Fragezeichen, wieso die Ostdeutschen trotz Asphaltierung ihrer Innenstädte so unzufrieden sind. Aber jetzt ist 2025, eine rechtsextreme Partei ist stärkste Kraft in allen fünf ostdeutschen Flächenländern und bundesweit auf Platz zwei. Die Zahlen rechter Gewalt steigen stetig. Von hier sieht es so aus, als wäre die vereinte Bundesrepublik der dritte gescheiterte Versuch, nach dem Nationalsozialismus einen antifaschistischen Staat einzurichten, der diesen Namen verdient. Von hier sieht es so aus, als wäre es Zeit, die Deutsche Einheit als das zu erzählen, was sie eben auch ist: eine Geschichte des Wiedererstarkens des Faschismus in Deutschland. Und es ist mir wirklich egal, wie gut unsere Gründe dafür sind, dass es so weit kommen konnte. Als verblühte Landschaft interessiere ich mich nicht für Rechtfertigungen. Es geht darum, ein fundamentales Scheitern anzuerkennen. Es geht darum, eine verpasste Chance zu betrauern. Denn wir hätten es Einigung, Vereinigung oder Neuvereinigung nennen können, aber wir nannten es Wiedervereinigung. Wir hätten es Deutsche Vielfalt nennen können, aber wir nannten es Deutsche Einheit. Forsa könnte jeden Herbst fragen, wie es um die 1989 errungene Demokratie steht, aber Forsa fragt jeden Herbst, ob wir zu einem Volk zusammengewachsen sind. Steffen Mau schreibt, es kam zu einer „Unternutzung des demokratischen Potenzials der friedlichen Protestbewegung“ und zu einer „Übernutzung des nationalen Potenzials“. Wegen dieses nationalistischen, völkischen und letztlich rechtsextremen Potenzials in den Worten verschlägt es mir die Sprache. Rechte Gruppierungen haben es verdammt leicht, die Erinnerung an 1989/90 für ihre Zwecke zu beanspruchen. Und all dem haben wir, die wir für eine demokratische und pluralistische Gesellschaft einstehen, nicht mal wehrhafte Worte entgegenzusetzen.

Das Scheitern anzuerkennen, ist deprimierend, aber notwendig – um den Kern der Worte nicht immer weiter auszupflanzen und um neue Narrative zu finden, die die Vereinigung antifaschistisch und pluralistisch erinnern und weiterdenken. Und wenn ich als Schriftstellerin eines gelernt habe, dann, dass Worte zwar wirkmächtig, aber auch ersetzbar sind.

 „Nie wieder ist jetzt“, stand Anfang 2024 bei den größten Demos seit dem Mauerfall auf vielen Plakaten. In diesem Sinne wünsche ich mir eine Nie-wieder-Vereinigung.

Paula Fürstenberg
geboren 1987 in Potsdam, ist Schriftstellerin und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Nachwendegeneration und ihrer Ost-Sozialisierung. Ihre Romane „Familie der geflügelten Tiger“ (2016) und „Weltalltage“ (2024) erschienen im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Sie lebt in Berlin.