Bericht der Ostbeauftragten 2025
Vorwort von Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland
Die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, Staatsministerin Elisabeth Kaiser
Foto: Photothek/Juliane Sonntag
Liebe Leserinnen und Leser,
in diesem Jahr feiern wir 35 Jahre Deutsche Einheit. Ost und West wachsen weiter zusammen. Gleichzeitig bleiben die Spuren der Teilung bis heute sichtbar – in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Zum Jubiläum präsentieren wir neue Perspektiven und lassen diejenigen zu Wort kommen, die damals noch nicht oder gerade erst geboren waren. Junge Menschen aus Ost und West schreiben darüber, was die Deutsche Einheit für sie bedeutet und welche Relevanz die Kategorien „Ost“ und „West“ heute noch haben.
Das betrifft auch mich ganz persönlich. Die Zeit der Wiedervereinigung habe ich nicht bewusst erlebt, doch die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern haben mich geprägt. Meine Generation hat ihr gesamtes Bildungs- und Berufsleben im vereinten Deutschland verbracht. Von Anfang an haben wir dieselben Fremdsprachen gelernt und dieselben Bildungszertifikate erworben wie unsere westdeutschen Altersgenossen. Im Fernsehen liefen „DuckTales“, die „Mini Playback Show“ und bald auch MTV. Unsere Kinderzimmer schmückten zunächst „Medizini“- und später „Bravo“-Poster. Das war in Gera sicherlich nicht anders als in Aachen oder München. Später mussten sich die Jungs im Westen wie im Osten dann zwischen Bundeswehr oder Zivildienst entscheiden. Zum Studium gingen viele von uns an westdeutsche Universitäten oder ins Ausland. Ich selbst bin zum Studium im Osten geblieben und habe auch viele westdeutsche Kommilitoninnen und Kommilitonen kennengelernt. Kein Zweifel, wir Kinder der späten 1980erund der 1990er sind die erste gesamtdeutsch sozialisierte Generation.
Trotzdem ist „der Osten“ für junge Menschen, die dort aufwachsen, bis heute weit mehr als eine Himmelsrichtung.
Er ist ein Raum, der Identitäten prägt …
… und Biografien beeinflusst. Das beschreiben die Autorinnen und Autoren dieses Berichts. Jana Faus und Simon Storks haben dazu geforscht (s. S. 50). Ein Ergebnis lautet: Viele junge Menschen, die aus dem Gebiet der alten Bundesrepublik stammen, können mit der Zuschreibung „westdeutsch“ nichts anfangen – zumal wenn sie an der Küste oder in Alpennähe leben. Demgegenüber identifizieren sich junge Ostdeutsche weitaus häufiger als „Ossis“. Außerdem sind junge Menschen in Westdeutschland überwiegend der Meinung, es sei nicht länger relevant, ob man aus dem Westen oder dem Osten kommt. Zwei Drittel der Ost-Millennials sagen hingegen, dass das sehr wohl noch eine Rolle spielt. Dafür gibt es gute Gründe. Denn auch wenn junge Deutsche seit dreieinhalb Jahrzehnten in ein und demselben Land aufwachsen, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen dieses Aufwachsens eben doch bis heute in gewichtigen Punkten. Das gilt insbesondere außerhalb der ostdeutschen Metropolen, also in Kleinstädten und ländlichen Regionen. Der Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung zeigt auf, dass in diesen Gegenden die öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr umfassend gesichert ist, dass die Menschen unterdurchschnittlich wenig verdienen und überdurchschnittlich oft auf Sozialleistungen angewiesen sind. Auch sind die Vermögen im Osten niedriger als im Westen. Hinzu kommt, dass die Alterung der Bevölkerung in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands weit vorangeschritten ist. Der Anteil junger Menschen liegt hier weit unter dem Bundesdurchschnitt.
Konkret gesprochen, bedeutet das: Junge Menschen treffen in der ostdeutschen Peripherie nur auf wenige Gleichaltrige. Die soziale Interaktion mit der Peer-Group wird außerhalb der Schulbesuchszeiten immer schwieriger, zumal der ÖPNV nur alle paar Stunden verkehrt. So verlagert sich der Austausch mit Gleichaltrigen weitgehend in den virtuellen Raum. Analoge Freizeitgestaltung findet demgegenüber viel öfter als im Westen innerhalb der Familie statt. Oder auch in Vereinen und Klubs, die dann allerdings ebenfalls von der Eltern- oder Großelterngeneration geprägt werden.
Oft fehlt also schlicht die kritische Masse an Jugendlichen, die es eigentlich braucht, um sich von den älteren Generationen zu emanzipieren und vor Ort eigene Ideen und Projekte in die Tat umzusetzen. Wer sich selbst verwirklichen will, verlässt als Erwachsener häufig notgedrungen die ländliche Heimat und sucht ein neues Zuhause in den Metropolen. Dabei sollten junge Menschen auch auf dem Land Bedingungen vorfinden, die Lust aufs Bleiben machen. Kaum etwas entfacht so starke Bindungskraft wie enge Freundschaften vor Ort. Deshalb benötigen Kinder und Jugendliche mehr Treffpunkte für Begegnung und Austausch mit Gleichaltrigen. Genauso wichtig ist eine ernst gemeinte Jugendbeteiligung. Denn nichts stärkt die Verbundenheit mit der eigenen Kommune nachhaltiger als die Erfahrung, mitreden und mitentscheiden zu dürfen.
Junge Menschen müssen gehört werden
Genau deshalb zeichnet der von mir geförderte Wettbewerb „machen!“ immer auch Projekte in der Kategorie „Junges Engagement“ aus. Mit dem Preisgeld können gemeinnützige Organisationen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands kreative Projekte verwirklichen. Die jungen Preisträgerinnen und Preisträger beeindrucken mich sehr. Mit ihrem Engagement bereichern und beleben sie ihre Kommunen. Deswegen ist es mir wichtig, diesen Jugendlichen den Rücken zu stärken. Alle jungen Menschen, die mitmachen und mitgestalten wollen, sollten wir mit offenen Armen empfangen. Eine Herkunft aus Ostdeutschland bedeutet außerdem überdurchschnittlich oft ein Aufwachsen in Familien mit niedrigem Einkommen und wenig oder gar keinem Vermögen. Das prägt den Lebensweg vieler Ostdeutscher bis weit ins Erwachsenenalter hinein. In heiklen Lebensphasen, wie etwa bei einem Start in die berufliche Selbstständigkeit, beim Wechsel des Studien- oder Ausbildungsfachs oder bei der Familiengründung, können sich Ostdeutsche viel seltener auf finanzielle Unterstützung durch die Eltern verlassen als Westdeutsche. Auch die Ressource „Vitamin B“ ist im Westen in höherem Maße vorhanden als im Osten. Bis heute sind Führungspositionen in Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, Kultur oder Justizwesen überdurchschnittlich häufig mit Westdeutschen besetzt. Selbst im Osten übrigens. Ich möchte mein Amt als Staatsministerin für Ostdeutschland, das seit dieser Legislaturperiode im Bundesfinanzministerium angesiedelt ist, dazu nutzen, die Angleichung der Lebensverhältnisse weiter voranzubringen.
Herkunft darf nicht über Lebenschancen entscheiden
Wir müssen die Startbedingungen für junge Menschen aus weniger wohlhabenden Elternhäusern weiter verbessern und über neue Möglichkeiten der Vermögensbildung diskutieren. Die geplante Frühstart-Rente ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dies ist übrigens kein rein ostspezifisches Thema. Auch in Westdeutschland gibt es viel zu viele Familien, die trotz täglicher Anstrengungen in einer Armuts- und Schuldenfalle stecken. Das dürfen wir nicht hinnehmen. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit wird die Besetzung von gesellschaftlichen Führungspositionen sein. Hier hat die Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode einen entscheidenden Schritt unternommen und ein Konzept beschlossen, das den Anteil von Ostdeutschen in Führungspositionen des Bundes maßgeblich erhöhen soll. Damit das Konzept auch in andere Bereiche Strahlkraft entfalten kann, müssen wir das Thema auf der politischen Agenda halten und mit Fakten unterfüttern. Daher erheben wir jährlich die Herkunft der Führungskräfte in der Bundesverwaltung. Ein weiteres Instrument ist der jährliche Elitenmonitor, der Daten in zwölf gesellschaftlichen Sektoren auswertet, Ursachen der Unterrepräsentation erforscht und Handlungsoptionen entwickelt.
Auch hier gilt wieder, dass ein gerechter Zugang zu Führungspositionen kein exklusives Ost-Anliegen ist. Wenn es um die Besetzung von Spitzenpositionen geht, müssen auch Frauen, „Arbeiterkinder“, Migrantinnen und Migranten oder Menschen mit Behinderungen besser berücksichtigt werden. Denn ohne Vielfalt in allen Bereichen des öffentlichen Lebens geht der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren. Wenn ganze Bevölkerungsgruppen nicht angemessen repräsentiert sind, wenn ihre Perspektiven und Probleme in den öffentlichen Debatten nicht vorkommen, dann leiden das Vertrauen in unsere Demokratie – und auch das Miteinander. Und ganz nebenbei: Diverse Teams sind oft einfach erfolgreicher.
35 Jahre Deutsche Einheit: Trotz der vielen Herausforderungen hat Ostdeutschland insgesamt eine beeindruckende Entwicklung genommen. Die ostdeutsche Wirtschaft wächst bereits seit Jahren stärker als die westdeutsche. Viele Regionen im Osten haben sich als attraktive Standorte für Forschung, Technologie und Start-ups etabliert. Die Arbeitslosigkeit ist auf niedrigem Niveau, und beim Ausbau erneuerbarer Energien oder der Verkehrsinfrastruktur nimmt Ostdeutschland inzwischen eine Vorreiterrolle ein. Milliardeninvestitionen des Bundes haben hierbei maßgeblich zur positiven Dynamik beigetragen.
Hinzu kommt eine lebendige Kulturlandschaft, die dieses Jahr besonders in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz sichtbar wird. Viele der spannendsten literarischen Werke der vergangenen Jahre stammen aus der Feder junger ostdeutscher Autorinnen und Autoren. Einige von ihnen haben an diesem Bericht mitgewirkt.
Diese positive Bilanz der letzten 35 Jahre wird in Ost wie West oft zu wenig gesehen. Höchste Zeit also, dass wir noch selbstbewusster über unsere Errungenschaften sprechen – und zugleich hart daran arbeiten, dass Ostdeutschland weiterhin auf Erfolgskurs bleibt. Dabei dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass es Regionen gibt, die Unterstützung brauchen, um an den positiven Entwicklungen besser zu partizipieren. Damit meine ich vor allem die strukturschwachen und vom demografischen Wandel besonders betroffenen Regionen. Klar ist:
Der ländliche Raum kann auch mit Pfunden wuchern
Etwa mit erneuerbaren Energien, neuen Konzepten zu Daseinsvorsorge und Tourismus. Diese Stärken müssen wir ausbauen und weitere Perspektiven, vor allem auch für junge Menschen, entwickeln. Genau darum geht es also im Jahr 35 als vereintes Deutschland: die besondere Situation des Ostens angemessen zu würdigen, die erfolgreichen Entwicklungen ebenso wie die großen Herausforderungen. Dafür sucht die junge Generation einen neuen Weg. Hören wir ihr zu, und nehmen wir ihre Sichtweisen als Anstoß, um mit allen Generationen ins Gespräch über die Zukunft unseres gemeinsamen Landes zu kommen.
Mit herzlichen Grüßen
Elisabeth Kaiser