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Marie Eisenmann

Warum beziehen sich Menschen, die nach der deutschen Teilung geboren sind, auf Ost und West?

Perspektive 2

Schaufelradbagger BildVergroessern
Quelle:Getty Images/fhm

Es hatte für mich keine Grenze gegeben, als ich das erste Mal in den Osten fuhr. Durchfuhr eigentlich, um vom Bodensee nach Berlin umzuziehen. Mit AnnenMayKantereit im Radio und meiner besten Freundin auf dem Fahrersitz. Wir wunderten uns ein wenig über die Straße, die Betonplattenautobahn, die uns ab Thüringen mehr durchrüttelte, als wir es von Autofahrten in Süddeutschland gewohnt waren. Dass an den Landesgrenzen große Schilder die Überfahrt in die ostdeutschen Bundesländer – erst Thüringen, dann Sachsen, schließlich Brandenburg – ankündigten, interessierte uns wenig. Ich zog nach Ostberlin. Auch das hatte keine Bedeutung für mich. Die Mauer war ohnehin seit 29 Jahren gefallen, wieso hätte ich mir darüber Gedanken machen sollen?

Am zweiten Tag unseres neuen Lebens in Berlin gingen wir zu Fuß von der Humboldt-Universität in Mitte an der ehemaligen Berliner Mauer entlang bis zum Mauerpark in Prenzlauer Berg. Wir überlegten uns, ob wir auf der West- oder Ostseite entlangliefen, wechselten durch die Streben, mit denen heute der Verlauf der Mauer angedeutet wird, auf die andere Seite. Hin und her, erst West, dann Ost.

In der Schule stand irgendwann ein Zeitzeuge aus der DDR vor meiner Klasse, aber trotzdem schrumpfte das vergangene Land für mich auf wenige Seiten im Geschichtsbuch zusammen. Und verließ es nicht. Ich wunderte mich über meine Eltern, die von den „neuen“ Bundesländern sprachen. Die gleiche Verwunderung, wenn sie in D-Mark umrechneten. Aus den Jahren gekommene, abgelaufene Bezugsgrößen. Ein seltsamer Reflex, am Alten festzuhalten. Das spielt doch keine Rolle mehr, meinte ich. Ärgerte mich manchmal sogar, weil ich dachte, die Kategorien Ost und West würden eine Distanz herstellen, die es nicht mehr gab.

In meiner ersten Woche an der Uni lernte ich jemanden aus Dresden kennen. Wir freundeten uns an. Sie bezeichnete sich als „Ossi“, ein Begriff, von dem ich dachte, dass ihn niemand in unserem Alter mehr verwendet. Manchmal nannte sie mich und andere von unseren Freunden sogar „Wessi“.

Ein paar Jahre später verliebte ich mich in einen Ostdeutschen, der es aufregend fand, dass ich in der Nähe der Berliner Mauer wohnte, sich aber aufregte, weil es mir nichts bedeutete. Als er das erste Mal meine Familie besuchte, erfuhr ich, dass meine Oma mehrmals in die DDR gereist war, sie sich dort verliebt hatte und beinahe „drüben“ geblieben wäre. Ich erfuhr, wieso meine Mutter eine Brieffreundin in der DDR hatte („das war damals chic“) und dass mein Vater bereute, am 9. November 1989 nicht einfach spontan nach Berlin gefahren zu sein, um den Mauerfall zu feiern. Mein Freund stellte ganz andere Fragen an meine Familie als ich. Fragen, die Geschichten hervorholten, die ich vielleicht nie gehört hätte.

Anders als meine Freundin aus Dresden bezeichnete sich mein Freund nicht nur als „Ossi“, sondern auch als Nachwendekind, um seine Perspektive auf seine ostdeutsche Identität von der älterer Generationen zu unterscheiden. Ende der 90er-Jahre geboren, galt auch ich als „Nachwendekind“. Ich kannte aber niemanden aus Westdeutschland, der sich so bezeichnet hätte. Schließlich hatte sich in westdeutschen Familien durch die Wende wenig verändert, und sie war deswegen selten Thema beim Abendessen.

Plötzlich war dieses Thema aber Teil meines Lebens. Wolfgang Tiefensee, ehemaliger Beauftragter für die neuen Bundesländer, sagte zum 20-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit, dass Ost-West-Paare ein Vorbild für das zusammenwachsende Deutschland seien. Durch meine eigene Ost-West-Beziehung wurde mir zum ersten Mal deutlich, dass mein Freund und ich unterschiedlich geprägt worden sind, obwohl ich dachte, dass das nicht möglich wäre.

Während mein Freund sich Fragen zu seiner (Ost-) Identität stellte, sah ich nur blinde Flecken. Als Literaturwissenschaftsstudentin näherte ich mich der deutschen Geschichte literarisch und las Bücher aus der DDR, als wären sie in einer Fremdsprache geschrieben. Ständig musste ich mir unbekannte Abkürzungen googeln, geschichtliche Ereignisse nachschlagen. Mehr als ein Jahr lang las ich Bücher von Sarah Kirsch, Stefan Heym und Christa Wolf, die eine meiner Lieblingsautorinnen wurde.

Gleichzeitig bemerkte ich, dass ältere Leserinnen und Leser – egal, ob sie aus Ost oder West kamen – sich vor allem an ihrer Rolle in der DDR abarbeiteten. Es schien bei ihnen einen Drang zu geben, sich selbst zur DDR positionieren zu müssen, wenn man über Christa Wolfs Bücher sprach. Während sie in der Vergangenheit herumrumstocherten, fühlte sich Christa Wolfs Schreiben über den Glauben an eine bessere Gesellschaft und das Hadern mit ihrer eigenen Rolle für mich unglaublich aktuell an.

Zeitgleich las ich westdeutsche Literatur von Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Rolf Dieter Brinkmann, die sich mit ganz anderen Fragen auseinandersetzten. Ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht, dass es in Deutschland vor meiner Geburt nicht nur zwei verschiedene Länder, sondern auch zwei verschiedene Systeme gegeben hatte.

Plötzlich half es mir, mich als Westdeutsche zu sehen, deren eigene Familiengeschichte westdeutsche Motive aufwies: katholische Moralvorstellungen und traditionelle Geschlechterrollen. Einer meiner Verwandten hatte in den 50er-Jahren bei seinen Großeltern aufwachsen müssen, weil er als uneheliches Kind auf die Welt gekommen war; eine andere war von ihren Schwiegereltern dazu gedrängt worden, ihren Ehemann zu verlassen, weil sie keine Kinder bekommen konnte.

Die Allgegenwärtigkeit von Kreuzen und Gottesdiensten in meiner eigenen Kindheit nahm ich damals hin, ohne sie zu hinterfragen. Für mich war das alles selbstverständlich, bis ich Jahre später begriff, dass im Osten nicht alle getauft waren, nicht alle Schülerinnen und Schüler in den Religionsunterricht mussten.

Ich fuhr jetzt selbst öfter in den Osten. Im vergangenen Jahr begleitete ich den PEN Berlin auf eine Veranstaltungsreihe zum Thema Meinungsfreiheit nach Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Kurz vor den Landtagswahlen veranstaltete die Schriftstellervereinigung in den drei Bundesländern Podiumsdiskussionen, bei denen auch das Publikum zu Wort kommen sollte.

Es wurde über den Ukrainekrieg, die Medien und den Osten gestritten. Immer wieder standen Menschen aus dem Publikum auf, deren Lebensgeschichte fast aus ihnen herausplatzte. So viele Menschen, die von ihren Niederlagen oder ihren Errungenschaften nach der Wende erzählten, um entweder auf die Ungerechtigkeit der Wiedervereinigung hinzuweisen oder Anerkennung für ihre Leistung einzufordern. Manche schienen eigentlich sagen zu wollen: „Jetzt schaut doch endlich hin!“

Die meisten meiner westdeutschen Freundinnen und Freunde machen diese Erfahrung nicht. Ihnen geht es wie mir, sie machen sich erst Gedanken über den Osten, wenn er in den Nachrichten auftaucht. Ein seltsamer Kontrast: so viel Erzähldrang und trotzdem so wenige Geschichten, die es über die Mauer schaffen, die eigentlich gar nicht mehr steht. Die fehlende Auseinandersetzung, der Zwang zum „Das spielt doch alles keine Rolle mehr“ derer, die eigentlich zuhören könnten, wirkt im Gegensatz manchmal gewaltvoll gegenüber den Menschen, die sprechen. Je mehr Geschichten ich über die Zeit höre, desto ignoranter wirkt die Annahme, dass ein ganzer Systemwechsel in einem Teil des Landes abgehakt sein soll.

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich im Zeitungslesesaal der Staatsbibliothek zu Berlin. Hier könnte ich heute nicht sitzen, wäre die Mauer nicht vor mehr als 35 Jahren gefallen. Ich hätte nicht an der Humboldt-Universität studiert, wäre nicht nach Ostberlin gezogen, wäre nicht entspannt am Mauerstreifen spazieren gegangen, wäre vielleicht überhaupt nicht nach Berlin gegangen, dieser westlichen Insel inmitten eines sozialistischen Systems. Ich hätte manche Menschen nie kennengelernt, wäre nicht mit meinem Freund zusammen und würde diesen Text nicht schreiben. Ich bin ein westdeutsches Nachwendekind.

Aber spielt die Kategorie „westdeutsch“ für meine Identität eine Rolle? Nach wie vor entsteht kaum eine emotionale Regung, wenn ich mich selbst so bezeichne. Sie ist eher eine Hilfskonstruktion, um mich in der Gegenwart zu verorten. Eine Brille, die ich mir aufsetze, um die Umrisse des Jetzt besser zu erkennen. Noch mehr erlaubt sie mir, Fragen zu stellen und zuzuhören. Die Geschichten derer, die von damals erzählen und damit viel über das Heute verraten.

Marie Eisenmann

wurde 1999 in Konstanz geboren. 2024 kuratierte sie die literarische Veranstaltungsreihe „Geteilte(r) Meinung“ im Literaturhaus Magdeburg. Derzeit ist sie Co-Host des „Nachwendekindertalks“ im Podcast Mauerecho der taz Panter Stiftung. Sie studiert europäische Literaturen im Master.