36 Jahre sind eine lange Zeit. Vor 36 Jahren fiel die Berliner Mauer. Vor 36 Jahren stand Bobby McFerrin mit „Don’t Worry, Be Happy“ zehn Wochen in den deutschen Charts, dicht gefolgt von David Hasselhoff mit „Looking For Freedom“. Westdeutsche trugen Nylon-Trainingsanzüge in Neonfarben und Karottenjeans mit bunten Oversize-Shirts, das Stadtbild war geprägt von Poppern und Punks.
Es war 1989, und am Jahresende kamen – aus westdeutscher Perspektive – plötzlich die „Ossis“ dazu. Ein Jahr später wurde Deutschland „wiedervereinigt“ – passiv formuliert, als sei das Land schlicht erweitert worden, zurückgekehrt zur Normalität. Viel änderte sich für Westdeutsche zunächst nicht. Der passive Terminus „Wiedervereinigung“ verrät einiges über ihre Perspektive. Nicht einmal neue innerdeutsche Urlaubsziele kamen für einige hinzu. Daten von 2019 zeigen: Jede und jeder sechste Westdeutsche war noch nie im Osten der Bundesrepublik. Den Ostdeutschen kann man diesen Vorwurf nicht machen: Jede und jeder Zweite besuchte über zehnmal den Westen der Republik (Ehni et al. 2019). Das Interesse vieler Westdeutscher am Osten hält sich bis heute in engen Grenzen. In den letzten Jahren haben wir uns in mehreren qualitativen wie quantitativen Studien mit der Frage nach dem Stand der Deutschen Einheit beschäftigt. Eine dieser Studien zeigt: 46 Prozent der Westdeutschen stimmen zu, dass Westdeutsche sich bis heute wenig für Ostdeutschland interessieren (Faus et al. 2020).
Aus ostdeutscher Sicht war es alles andere als ein passives „Wiedervereinigtwerden“. Es war eine tiefgreifende Veränderung, für viele eine biografische Zäsur, die in friedlichen Zeiten ihresgleichen sucht. Während in der alten Bundesrepublik der Neuaufbau der Demokratie nach dem Nationalsozialismus im engen zeitlichen Zusammenhang stand mit wirtschaftlichem Aufschwung und Wohlstandversprechen, ging dieser in Ostdeutschland nach 1989 in vielen Fällen Hand in Hand mit Frustration, Enttäuschungen und Arbeitslosigkeit (Mau 2024). Schmerzhaft sind bis heute viele persönliche Erfahrungen, etwa mit den Ergebnissen der von der letzten DDR-Regierung eingesetzten Treuhand, die häufig mit den Erwartungen an die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ kollidierten.
Ostdeutsche sprechen hier im grammatikalischen Aktiv: Sie sprechen vom Mauerfall, den sie selbst herbeigeführt haben. Doch bis heute vermissen sie Anerkennung dafür, dass dieser Umbruch friedlich verlief: 71 Prozent der Ostdeutschen stimmen dem zu (Faus et al. 2020).
Noch heute sind reale Unterschiede in Vermögen, Renten und Löhnen zwischen Ost und West deutlich sichtbar. Sie sind gut dokumentiert. Dieser Text aber widmet sich dem subjektiven Erleben.
Mehr als die Hälfte der Deutschen kennen das geteilte Deutschland nicht mehr
Laut Daten der Deutschen Rentenversicherung liegt die durchschnittliche Zahl der Versicherungsjahre pro Person inklusive Kindererziehungszeiten bei rund 41 Jahren (Deutsche Rentenversicherung 2024). Die Vereinigung liegt mittlerweile also fast ein ganzes Erwerbsleben zurück. Wer 1990 junger Erwachsener war, ist heute im Großelternalter. Viele, die damals schon im Rentenalter waren, leben nicht mehr.
Die zur Zeit der Vereinigung Geborenen sind heute Anfang bis Mitte 30, stehen im Berufsleben und sind im durchschnittlichen Alter für das erste eigene Kind. Sie kennen das geteilte Deutschland nicht mehr aus dem eigenen unmittelbaren Erleben – weder emotional noch erfahrungsbasiert. Sollte sich in dieser Generation also nicht alles angeglichen haben?
Nicht ganz. Zwar verwischen sich Unterschiede über Generationen, doch Erfahrungen werden über Sozialisation „vererbt“, Stereotype wirken weiter.
„Ossis sind faul“
Ein junger Westdeutscher der Nachwendegeneration sagte in einer unserer Studien: „Mein bester Freund kommt aus dem Osten, und ich habe da nie einen Hehl draus gemacht“ (Faus et al. 2020). Was als Zeichen von Offenheit gemeint ist, zeigt, dass Herkunft noch immer markiert wird. Implizit: „Ossis“ sind anders – der „Wessi“ schaut gerne mal auf sie herab.
In einer Studie (Faus/Storks 2019) wurden Menschen aus der Nachwendegeneration gebeten, Ostdeutsche mit einem Wort zu beschreiben. Während Ostdeutsche sich als bodenständiger, menschlicher, fleißiger sehen, schreiben Westdeutsche ihnen Attribute wie rassistischer, dümmer und auch fauler zu. Diese Vorurteile sind präsent. Es ist die alte westdeutsche Erzählung des faulen Ossis, die hier fortwirkt.
„Wessis sind arrogant“
Auch in die andere Richtung gibt es Stereotype. Das wohl gängigste: „Wessis sind arrogant.“ Ein Ostdeutscher der Nachwendegeneration sagte: „Man merkt das auch bei sich selber manchmal, wenn man irgendwo ist, dass man sagt: „Oh, typischer Wessi.“ […] Dieses Abgehobene, vielleicht Arrogante. Teilweise haben die auch ein anderes Einkommen als wir. Also ich finde, dass man das immer noch merkt“ (Faus et al. 2020). In der oben genannten Ein-Wort-Abfrage beschreiben Westdeutsche sich als disziplinierter, freundlicher. Ostdeutsche hingegen charakterisieren die Westdeutschen als arroganter, eingebildeter. Sich selbst beschreiben Ostdeutsche hingegen als bescheidener, bodenständig und ärmer – sie definieren sich demnach häufig über ihre finanzielle Situation. Auch Westdeutsche begegnen als Stereotype: „Ich habe Freunde, die, als sie in den Osten gezogen sind, beschimpft worden sind als reiche Wessis“ (Storks et al. 2023).
Identität: Ost und West
Zumindest „Ost“ lebt in der Nachwendegeneration weiter. Es ist dabei nicht nur ein geografisches Label, sondern Identitätsschicht – wobei das Spektrum dabei von der bewussten Identifikation mit Ostdeutschland bis hin zum Genervtsein von eben dieser Identifikation mit Ostdeutschland reicht1. Auch drei Jahrzehnte nach der Vereinigung identifizierten sich Ostdeutsche als ostdeutsch, ohne dass es dazu eine westdeutsche Entsprechung gibt. Man versteht sich dort z. B. als süd- oder norddeutsch. In getrennten Gruppendiskussionen nur mit west- bzw. ostdeutscher Nachwendegeneration fällt auf: Westdeutsche messen ihrer gemeinsamen westdeutschen Herkunft kaum Bedeutung bei. Ostdeutsche hingegen merken sofort: „Wir sind hier die Ossi-Gruppe.“ Und empfinden das als Stigmatisierung (Storks et al. 2023).
Sind es also die Erzählungen der Eltern, die fortwirken? Müsste man nicht denken, dass Eltern solch eine Zäsur weitergeben – ihre Verletzungen, Brüche, Hoffnungen? Und doch: Nur 47 Prozent der jungen Ostdeutschen haben mit ihrer Familie über die Vereinigung gesprochen. In Westdeutschland sind es gar nur 28 Prozent (Storks/Faus 2019).
Entscheidend ist aber nicht nur, ob, sondern auch wie gesprochen wurde. Unsere Studie von 2019 zeigt: In Westdeutschland wurde seltener darüber gesprochen, aber wenn, dann mit 22 Prozent deutlich häufiger positiv als negativ (6 Prozent). In Ostdeutschland geben 31 Prozent an, eine positive Erzählung der Zeit der Vereinigung erhalten zu haben, 16 Prozent eine negative.
Bemerkenswert dabei: Kinder von Eltern, die sich eher als „Wendeverliererinnen“ oder „Wendeverlierer“ sehen, berichten am häufigsten von Gesprächen über diese Zeit – und haben deutlich häufiger ein negatives Narrativ vermittelt bekommen. Da sich im Osten deutlich mehr junge Menschen als Kinder von „Wendeverliererinnen und -verlierern“ einordnen als im Westen (21 vs. 11 Prozent), erklärt dies mit, warum Ostdeutsche im Schnitt negativer darüber sprechen (Faus/Storks 2019).
Und nun?
Wie kann ein gemeinsames Selbstverständnis entstehen, das die Erfahrungen aus Ost und West zusammenführt? Zeit allein scheint nicht auszureichen. Was es braucht, sind Begegnungen, Gespräche, das bewusste Interesse füreinander. Nur wenn wir zuhören, ohne vorschnell zu werten, entsteht ein Raum für Verständnis. Und wenn wir reden – miteinander, nicht übereinander.
Die einen blicken zurück auf Jahre des Umbruchs, des Verlusts und der Neuorientierung. Die anderen auf im Vergleich relative Stabilität, Organisation und Verantwortung im Wandel. Beide Perspektiven tragen zum deutschen Erinnerungsraum bei – und beide verlangen nach Anerkennung.
Eine geteilte Erzählung lässt sich nicht erzwingen. Aber sie kann wachsen, wenn wir Differenz nicht als Gegensatz, sondern als Teil eines größeren Ganzen begreifen. Wenn das Bekenntnis „Ich bin ostdeutsch“ nicht mehr als Trennlinie, sondern als gleichwertige Stimme verstanden wird. Wenn westdeutsche Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden dürfen, ohne dass daraus sofort ein Konflikt erwächst.
Nach 35 Jahren ist eines sicher: Die Vereinigung ist nicht abgeschlossen, nur weil sie in Geschichtsbüchern steht. Sie ist ein Prozess. Und der beginnt immer wieder von vorn – im Alltag, im Gespräch, im gegenseitigen Respekt.
Dabei sind ost- und westdeutsch nicht die einzigen bestimmenden Kategorien. Zum vereinten Deutschland als Einwanderungsland und plurale moderne Gesellschaft gehören u. a. auch migrantische Perspektiven.2
ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin sowie Gründerin und Geschäftsführerin der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research. Sie forscht seit mehr als 20 Jahren zu politischen und gesellschaftlichen Themen in Asien, Australien und Deutschland und ist Autorin zahlreicher Publikationen zu gesellschaftlichen Themen in Deutschland.
ist Senior-Berater bei der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research. In mehreren Studien für die Otto Brenner Stiftung ist er der Frage nach dem Stand der Deutschen Einheit nachgegangen – mit speziellem Fokus auf die Nachwendegeneration.